+en No 22 Okt. 2026 Enis Maci Ausgelassene Bilder: Albaniens gerenderte Zukunft Sechzig internationale Architekturbüros versammelt The Albanian Files zu einem Bild Albaniens im ewigen «Übergang». Doch das Buch ist weniger Dokument als Instrument jener Politik, die es zu beschreiben vorgibt: historische Amnesie, Steuertricks und der Reiz des Unerschlossenen nehmen Gestalt an. en No 22 Okt. 2026 Lianna Mark Rachel Cusk’s Kopfkino In her pursuit of a “low-character fiction,” Rachel Cusk turns to the austere. Her latest work, Life of M, chips away at the load-bearing columns of fiction in a game of writerly Jenga played against herself—one she does not quite win. en Audio No 22 Okt. 2026 Ben Miller Different From the Others Two recent books examine the life of Magnus Hirschfeld—a sexologist and trans advocate in Weimar Germany—to better understand today’s anti-trans backlash. Yet both “misread the moment and in some cases the historical record, and remain stuck in more comforting and less useful narratives.” Audio No 22 Okt. 2026 Free Wolfgang Hottner Vom Himmel durch den Welfare-State zur Hölle Der Wohlfahrtsstaat krepiert, die Scandinavian Star ist längst gesunken, der dänische Fortsetzungsroman läuft weiter. Asta Olivia Nordenhof schreibt über Kapitalismus als Tragödie ohne Schluss. Wie aussteigen aus einer Maschinerie, die sich selbst unendlich reproduziert? en No 22 Okt. 2026 Thom Sliwowski Paweł Pawlikowski’s Twentieth Century Disguised as a literary biopic, Fatherland follows Thomas Mann through a divided Germany in 1949 to accept two parallel literary prizes. But beyond dramatizing an oft-invoked moment in history, the film offers a reflection on the condition of the aging intellectual and the force of the past.
No 21 Aug. 2026 Jan-Werner Müller Theorie des DIY-Faschismus Alle reden vom neuen Faschismus, doch niemandem gelingt es so recht, ihn zu definieren. Zwei Bücher von Eva von Redecker und Dagmar Herzog zeigen auf, wie man es machen kann: Indem man sich auf zwei Kernphänomene konzentriert – ein gewalttätiges Eigentumsdenken und Hass auf Menschen mit Behinderung. en Audio No 21 Aug. 2026 Edna Bonhomme Phantom Threads Part memoir, part archive, part political history, Cristina Rivera Garza’s Autobiography of Cotton traces the intertwined histories of cotton, labor, family, and border violence across twentieth-century northern Mexico. en Audio No 21 Aug. 2026 Sinthujan Varatharajah Admiring the Wrong Buildings A new counter-canon turns away from the fascist monuments that became architectural classics to look at forgotten antifascist projects. From Red Vienna to Gaza, Antifascist Architecture traces buildings shaped by solidarity, resistance, and collective life rather than power and spectacle. +en No 21 Aug. 2026 Joel Christensen Sunset des Westens Christopher Nolans «Odyssee» verteidigt das Kino gegen KI – mit großem Budget, viel Handwerk und einer PR-Kampagne, die das Genie des Regisseurs zelebriert. Spielt der Film auf der Höhe seiner Ambition? Und wie überzeugend ist Nolans Allegorie vom Zivilisationsbruch im Gegenlicht heutiger Krisen?
+en Audio No 20 Juni 2026 Eric Otieno Sumba Afrikanische Diktatoren ernstgenommen Nach der Dekolonisierung kamen die Despoten: So verkürzend erzählen westliche Beobachter gern die Geschichte afrikanischer Nationalstaaten. In Slow Poison gelingt dem Anthropologen Mahmood Mamdani etwas anderes: das genaue Porträt zweier Diktatoren und zugleich seines Heimatlandes Uganda. Audio No 20 Juni 2026 Diedrich Diederichsen Die Rache der Sinnlichkeit Auch Schurkenstaaten sind trendsensibel: Auf der Venedig-Biennale 2026 sehen Pavillons wie der russische der modernekritischen Hauptausstellung verdächtig ähnlich. Der Kritikerkamarilla, die sich jahrelang über zu viel Politik und Theorie in der Kunst beschwert hat, müsste das eigentlich gefallen. +en No 20 Juni 2026 Faith Hillis Jüdische Radikalität gestern und heute Zwei Bücher über den Jüdischen Arbeiterbund und die radikale linke jüdische Tradition zeigen auf, wie heutige Politik sich aus einer lange vergessenen Geschichte diasporischer Solidarität inspirieren kann – dass den Autor:innen dabei auch ein paar Anachronismen unterlaufen, lässt sich verschmerzen.
Audio No 19 Mai 2026 Florian Meinel Meinungsfreiheit heute oder Vom Sinn der unklaren Rechtslage Warum ist es leichter, einen sehnsüchtigen Ausspruch über das Land «vom Fluss zum Meer» zu verbieten als rechte Hasstiraden? Ronen Steinkes Meinungsfreiheit trägt viele Einzelfälle zusammen, hat zu den Gründen und Abgründen der deutschen Probleme mit diesem Grundrecht aber wenig zu sagen. en Audio No 19 Mai 2026 Jana Antonissen My Very Personal Drama How it feels to watch Kristoffer Borgli’s twisted rom-com The Drama, starring Zendaya and Robert Pattinson, about an almost-canceled wedding when you’ve actually canceled your own.
+en Audio No 18 Apr. 2026 Frank Keizer Sprachkundige Guerillas Was geschieht, wenn man die niederländische Literatur aus ihrem beschaulichen nationalen Gehäuse sprengt und in eine postimperiale, trümmerübersäte Weltgeschichte versetzt? Safae el Khannoussis Debüt folgt einer jüdisch-marokkanischen Dissidentin quer durch «Oroppa» und zurück nach Nordafrika. Audio No 18 Apr. 2026 Roman Widder Der Antifaschist «Die Wüste ist auf dem Vormarsch», schrieb Schklowskij 1926 über einen Autorenkollegen, dessen Hauptberuf es war, sibirische Steppenlandschaften urbar zu machen. Heute schwebt Platonov wie ein meteorischer Fremdkörper durch die Literaturgeschichte. Seine politische Botschaft könnte klarer kaum sein. Audio No 18 Apr. 2026 Diedrich Diederichsen Pop: Mündlichkeit und Schriftlichkeit «Ein Verblödungszusammenhang, der sich als Nichtwahl zwischen einem Springer-Sch**** und einem Zeit-De**** präsentierte» – zwei Bücher von Erika Thomalla und Philipp Goll fangen ganz gut ein, wie der deutsche Popjournalismus sich in den 90ern spaltete – und bis heute nicht zusammenfand. en Audio No 18 Apr. 2026 Clara Miranda Scherffig Production Value Frustrated with the prestige that Joachim Trier’s Sentimental Value has amassed with ease, our critic argues that arthouse cinema has entered an age of “production value,” in which the mere aura of seriousness has replaced originality, and quality of execution is everything. Audio No 18 Apr. 2026 Samuel Hamen Wenn die Steine steiniger werden Wie klingt die Welt, wenn die Aufnahme versagt? In der Nähe Alexander Kluges wird Erinnerung in Ben Lerners Transkription zur Technik der Montage und die Gegenwart beginnt, von der Spule zu rutschen.
+en No 17 Feb. 2026 Nora Haddada Don’t Hate the Muster, Hate the Vergleich Um 1960 galt Paris vielen Schwarzen Intellektuellen als Zufluchtsort vor Rassismus. In Gesicht aus Stein konfrontiert William Gardner Smith dieses Ideal mit der mörderischen Repression algerischer Einwanderer. Die resultierenden Konflikte, auch zwischen Minderheitengruppen, erinnern an heute. No 17 Feb. 2026 Lukas Haffert Zwei statt 0,03 Prozent Die zwölf reichsten Menschen der Erde besitzen mehr als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung – bei lächerlich geringen Steuersätzen auf Vermögen. Wie diese absurde Situation aus einer Nachkriegsanomalie entstand und wie sie sich beheben ließe, erklärt Gabriel Zucmans Reichensteuer. Aber richtig! Audio No 17 Feb. 2026 Verena Lueken Schwarze Welten schaffen Vor ihrer Weltkarriere als Autorin war Toni Morrison zwei Dekaden lang Lektorin bei Random House. Eine akribische Studie von Dana A. Williams erhellt diese Zeit, lässt das Wichtigste aber aus: den poetischen und politischen Kontext, in dem Morrison als eine der ersten Schwarze Literatur ermöglichte. No 17 Feb. 2026 Maria Wiesner Der diskrete Duft der Bourgeoisie Kaum ein Kino beschäftigt sich interessanter mit Kapitalismus und sozialer Klasse als das südkoreanische. In Park Chan-wooks No Other Choice entscheidet nicht der Kontostand über den gesellschaftlichen Rang, sondern der Duft: ein Klassennarrativ, das Parasite vorgezeichnet hat. No 17 Feb. 2026 Gerhard Poppenberg Terreur und geflügelte Worte Auf der Bühne stehen die Autoren, doch für Substanz und Kontinuität im Literaturbetrieb sorgen die Lektoren. Jean Paulhan, legendärer Zeitschriftenmacher und Gallimard-Cheflektor, füllte beide Rollen. Seine Forschungen über madagassische Sprichwörter zeigen sein Sprachgenie und Sinn für Tradition.
en Audio No 16 Jan. 2026 Miriam Stoney No World to Begin With—Fitzcarraldo’s Poetry List The tastemakers of the prestige prose industry, Fitzcarraldo Editions extends its hegemony with an array of new poetry titles. Four new books clad in well-known white and blue turn towards the small and the strange—refusing relevance, embracing opacity, and letting language fail beautifully. en Audio No 16 Jan. 2026 Cesare Sinatti Perfect English More and more international novels read as if their primary aim were translation into mass-market, globally legible English prose. Is Vincenzo Latronico’s Le perfezioni, written in Italian, one of them—or does it genuinely capture a generational ennui caught between dissent and assimilation? en Audio No 16 Jan. 2026 Lianna Mark Better Living Through Self-Curation Vincenzo Latronico’s Perfection is widely celebrated as an ultra-realistic portrait of the author’s generation—its expat condition, aspirations, and fears. More than a map of millennial angst and desire, the novel draws the reader into an intricate play of self-curation and authenticity. en Audio No 16 Jan. 2026 Maxi Wallenhorst Falling Out of Masculinity In Darryl, Jackie Ess resurrects the 2010s in all their glossy malice while sending her protagonist through spirals of gender, sex, and heteropessimism. Beneath the deadpan humor of this unflinching debut lurks a puzzling question: what does it mean to be real when this is not what you feel? Audio No 16 Jan. 2026 Simon Nagy, Simon Stockinger Täter zeigen In Jonathan Glazers The Zone of Interest dröhnt der Holocaust als Soundscape über die NS-Heimatidylle, in Selma Doboracs De Facto erzählen sich Menschheitsverbrechen in quälenden Monologen selbst. Beide Filme zeigen Täter, ohne Taten zu bebildern. Wie weit reicht ihre Kritik der Gewalt?
Audio No 15 Nov. 2025 Esra Akkaya Schreiben ist der größere Wahn Das innere Kind im Genie, die Eroberung seiner enfance perdue – oft sind es Männer, die darin den Apex der Kunst sehen. Nicht Tezer Özlü. Auf Türkisch wie Deutsch lief sie mit ihrer begnadeten Prosa allen Ursprüngen davon. Nur so konnten sie auf Distanz bleiben, die «kalten Nächte der Kindheit». Audio No 15 Nov. 2025 Jan-Werner Müller Was ist demokratisch am «demokratischen Faschismus»? Mit ihrem Begriff des «libertären Autoritarismus» bestimmten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Post-Pandemie-Diskussion über neue und aggressive politische Lagerbildungen. Ihr Buch Zerstörungslust will nun «Elemente des demokratischen Faschismus» erklären, scheitert aber an Grundsätzlichem. Audio No 15 Nov. 2025 Ulrich van Loyen Grauer Beton Deutschland, lay down. Frank Trentmann will die Blockierte Republik entkrampfen, Dr. Thomas Bergner den German Burnout behandeln. Der sozialtherapeutische Impetus ihrer Bücher zeigt: Diesem Land fehlt so einiges, besonders aber die Einsicht, dass Individuum und Gesellschaft nicht identisch sind. Audio No 15 Nov. 2025 Gerhard Poppenberg Das große Waldtheater Zwei Tote im Urwald, Ängste, eine Schriftstellerin und ein Theatermacher auf der Jagd nach «hypnotischen» Bildern. In ihrem Roman Die Holländerinnen treibt Dorothee Elmiger ein fiebriges Spiel um die Kunst als Passion. Damit entkommt sie einer Erzählkrise – und löst gleich die nächste aus. Audio No 15 Nov. 2025 Viktoria Morasch Sind das Menschen? Rodrigo Duterte sitzt in Haft in Den Haag, die Folgen seines Krieges «gegen die Drogen» halten an. Als Traumareporterin war Patricia Evangelista aus nächster Nähe dabei. Ihr Buch Some People Need Killing erzählt von Opfern wie Tätern und zeigt: Entmenschlichung hat Methode – und ist menschlich. Audio No 15 Nov. 2025 Samir Sellami Endlicher Spaß Maschinenstürmer, Geschichtsfreak, Mondscheinromantiker, «Radiolurch». Thomas Pynchon hat viele Gesichter, nur das eigene hält er seit 70 Jahren geheim. Schön, dass er jetzt doch noch einen Roman geschrieben hat! Zu früherer Form kann er nicht mehr auflaufen – bleibt das Komplott um den Käse. Audio No 15 Nov. 2025 Hanno Hauenstein Die Nova-Ausstellung in Berlin «Das ästhetische Versprechen ist klar: Authentizität durch Überwältigung. Erinnerung als Nacherleben. Gewalt wird nicht kontextualisiert, sondern affektiv reproduziert. Wer sich auf diese Inszenierung einlässt, wird selbst Teil der traumatischen Erfahrung – und gewissermaßen selbst Opfer der Hamas.» en Audio No 15 Nov. 2025 Jonas Elvander Battle of the Bastards The populist and far right is often seen as a backlash against the neoliberalism of the ’90s and 2000s. But neoliberalism was never an innocent theory about rational market actors. Quinn Slobodian’s Hayek’s Bastards shows it was always (also) about the culture, stupid. +it Audio No 15 Nov. 2025 Clara Miranda Scherffig Combray in der Altmark «Stimmen hören, und das auch noch in einem deutschen Kostümfilm, der von Gefühlen handelt – da kommt unweigerlich Kitschverdacht auf. Glücklicherweise umschifft Mascha Schilinskis In die Sonne schauen dieses Problem elegant, verkehrt das Klischee ins Gegenteil und macht es zur eigenen Stärke.»
No 14 Okt. 2025 Benjamin Loy «Trauer ist das Ende der Einsamkeit» Cristina Rivera Garzas Schwester wurde als junge Studentin in Mexiko-Stadt ermordet. Der Täter, ihr Ex-Freund, war bald bekannt, blieb aber unbestraft. 30 Jahre später kann die Hinterbliebene endlich darüber schreiben – mit einer wuchtigen Präzision, die beim Dauerthema Femizid ihresgleichen sucht. Audio No 14 Okt. 2025 Anja Kümmel Halbwegs okay, aber für wen? In seinem – lt. Klappentext – «Coming-of-Middleage»-Roman Let’s Talk About Feelings brilliert Leif Randt im gleitenden, surface-sensiblen Erzählen. Der Eskapismus ist real und anschmiegsam, für ein Mikromilieu sogar realistisch; doch größere Türen der Gegenwart öffnen sich anderswo. +en Audio No 14 Okt. 2025 Andrea Binder Kenneth in der Zentralbankkantine Trump schleift den Welthandel, der US-Dollar sinkt auf ein Vier-Jahres-Tief, doch die dollar dominance, sein Status als Weltwährung, scheint intakt. Kenneth Rogoffs Our Dollar, Your Problem hätte aufzeigen können, was daran trügerisch, ja problematisch ist – liefert aber nur Boomer-Plattitüden. en No 14 Okt. 2025 Edna Bonhomme Grief’s Unforgiving Schedule To keep us in the loop, the mental health industry, especially online, has hand-sized solutions for loss—even when it is as unbearable as losing a child. Against this tide of griefluencing, Yiyun Li’s memoir on the deaths of her sons insists on the permanence of sorrow—and a language of mutual care. en No 14 Okt. 2025 Natalia Lomaia Identity Is a Curse Jonas Hassen Khemiri’s latest novel follows three sisters from early adulthood into midlife, untangling the life of second-generation immigrants in Sweden. With six novels and countless awards, Khemiri is a darling of the international lit circuit—and a destabilizing force within his own narrative.
+en No 13 Aug. 2025 Clemens J. Setz Der beste Mensch von Amazon «Ich kannte ihn lange nur als Biografen von Jack Spicer, jenes enigmatischen Poeten, der einst über den Mond schrieb: ‹if it were spelled ‘mune’ it would not cause madness›. Aber Kevin Killian war mehr: ein legendärer Dichter und – der wahrscheinlich bedeutendste Amazonrezensent aller Zeiten.» No 13 Aug. 2025 Kevin Killian Zwei Amazonrezensionen Schlüpfrige Lyrik und abgegriffene DVDs, Gebrauchsdinge und Gimmicks, Kampfpuppen und Kartoffelsalat. Egal was Amazon Kevin Killian nach Hause schickte, seine Reviews verwandelten es in große Literatur. Zwei Snapshots seiner genialen Rezensionskunst, aus dem Englischen von Clemens J. Setz. en No 13 Aug. 2025 Eric Otieno Sumba The Golden Tooth It was a tragic turning point in the history of decolonization: the CIA-backed ousting and assassination of Congo’s president Patrice Lumumba. In the era’s visual and sound archives, Johan Grimonprez has tried to find a soundtrack to this fateful coup d’état, but fails to grasp its complex rhythms. en No 13 Aug. 2025 Laura Ammann, João Gabriel Rizek Lygia Clark at Neue Nationalgalerie The Brazilian artist’s first retrospective in Germany invites visitors—or participants—to play with her famous 1960s Bichos. Enshrined in the Internationalist glass museum, Clark’s revolutionary gesture risks losing its local specificity to become all aesthetics and no political action.
No 12 Juni 2025 Moshtari Hilal Arab Gangster Queen Burhan Qurbanis Kein Tier. So Wild. ist weder typisch deutsch-arabischer Gangster-Movie noch eine erbauliche Geschichte über weibliches Empowerment. Die Gewalt der Hauptfigur Rashida ist unversöhnlich und radikal – und passt gerade deshalb zum Stand der deutschen Einwanderungsgesellschaft 2025. No 12 Juni 2025 Zviad Gamsachurdia Die blassen Canaillen Um Restauration und Biedermeier zu stürzen, zettelten Brandstifter wie Heine, Stirner und Gutzkow einen Guerrillakrieg der Ideen an. Wie organisierten sie den Gedankenschmuggel? Und was konnten sie ausrichten gegen die preußische Ober-Censur und ihre Rotstift-Armee aus Pfarrern und Gymnasiallehrern? No 12 Juni 2025 Thomas Zimmer Verflossenes Gold Maos Kulturrevolution und Dengs Reformkurs, «historische Mission» und Beatles-Manie, Tiananmen und die langen Schatten der Produktion: Wang Xiaobos derb-philosophische Prosa ist ein Dachsbau chinesischer Zustände – und Kult trotz Zensur. Nun gibt es sein Goldenes Zeitalter endlich auf Deutsch. +en No 12 Juni 2025 Elad Lapidot Juden im Auge von Gaza Die Zerstörung Gazas wirft Juden in eine Identitätskrise. Bücher von Peter Beinart, Michael Sfard, Göran Rosenberg und Enzo Traverso legen Rechenschaft ab – und konfrontieren den Extremismus der Netanjahu-Koalition mit einer radikalen Alternative: den Tugend- und Weisheitslehren jüdischer Tradition. +en+es No 12 Juni 2025 Patricio Pron Stranger Things Göttingen In Mai Ishizawas The Place of Shells geschieht Paranormales, doch beim Lesen fragt man sich, ob es nicht unser normierter Blick ist, der aus der Zeit gefallen ist. Ein wundersam solitäres Romandebüt der in Deutschland lebenden Japanerin, in dem der sanfte Göttinger Sommer eine Hauptrolle spielt.
+en No 11 Mai 2025 Andrea Binder «Wenn du verlierst, gewinne ich» Donald Trump und seine Wirtschaftsberater wollen die US-Produktion wiederbeleben. Dafür bauen sie auf Zölle und eine gezielte Abwertung des Dollar. Letzteres ist allerdings gar nicht so einfach. No 11 Mai 2025 Felix Lüttge Zweiter Frühling der Barbaren Die schädlichsten Gründungsmythen brauchen gar keine Menschen: Fossilien sind ihnen lieber. Gegen den Yuval-Harari-Trend erzählen Stefanos Geroulanos und Caroline Winterer die Entstehung der Vor- und Frühgeschichte im 19. Jahrhundert als akademisch-imperiale, stets zur Ausrottung aufgelegte Mission. +it No 11 Mai 2025 Clara Miranda Scherffig Ein normaler Sadismus Nach der Pandemie sollte doch alles besser werden. Wenn die Erkrankten genauso schlimm dran sind wie zuvor und Care die prekärste Arbeit von allen bleibt, wird diese Misere dann jetzt wenigstens präziser dargestellt? Filme von Petra Volpe, Philipp Döring und die Serie KRANK zeigen: teils teils. No 11 Mai 2025 Christian Grüny Ein Irrtum, eine Strapaze Nach der «Mentalarchäologie» unserer Traumwelt und der Rettung der zwei Geschlechter nun also «die» Philosophie der Musik. In bester Gesellschaft hätte Christoph Türcke über sein Thema nachdenken können, entschieden hat er sich für den Alleingang zum Gipfel des Absoluten. Too bad. +en No 11 Mai 2025 Bécquer Seguín Spanien, aus Hannover betrachtet Millionenmal verkauft, bepreist und genetflixt: In Spanien gilt Fernando Aramburu als Koryphäe und prägt mit staatstragenden Thesen die Baskenland-Debatte. Sein neuer Roman ist wieder mehr Literatur und weniger Meinungsjournalismus – eine willkommene Abwechslung vom kolumnengetränkten Erfolgsrezept.
+en No 10 Apr. 2025 Natalia Lomaia Den Familiengeistern nachstellen Sie ist die wohl größte Quelle von Missbrauch und Erniedrigung, und doch hat die Kernfamilie ihren Me-Too-Moment noch nicht erlebt. Sind Familien überall, auch in Norwegen, zur endlosen Wiederholung verdammt, wie Vigdis Hjorths neuer Roman und alle ihre markerschütternden Erzählungen nahelegen? No 10 Apr. 2025 Novina Göhlsdorf Wenn der schlimme Teil vorbei ist Mit siebzig Jahren hat Helene Bracht in Das Lieben danach eine kondensierte Bilanz jenes Lebens vorgelegt, das nach sexueller Gewalterfahrung im Kindesalter natürlich weitergehen muss. Ein Debüt, so reflexionsscharf und auch selbstkritisch, dass es die Literatur zu Missbrauch und Trauma überragt. No 10 Apr. 2025 Wolfgang Hottner Perfektes Grau Seit Mesopotamia sind der Kitsch und sein Maler Odd Nerdrum zwei stille Trabanten im Werk Christian Krachts, im Schatten von Autofiktion, Zitaten und Pop. In Air sickert Nerdrums Weltmüdigkeit nun vom Cover ins eisige Herz der Erzählung. Ein Meistersang in Äolisch-Moll, und Auftakt zum Spätwerk. No 10 Apr. 2025 Elias Kreuzmair Als wir schwebten Der Schwerkraft trotzen, alle Lasten abstreifen, floaten über den Trümmern des kaputten Jahrhunderts. Der Wunsch zu schweben rührt ans Existenzielle, im Leben wie im Denken – und auch in den neuen Büchern von Annett Gröschner und Joseph Vogl. Dumm nur, dass Physik und Geschichte anderes vorhaben.
No 9 März 2025 Henrike Kohpeiß Abstand und Analogie Enzo Traversos Gaza im Auge der Geschichte beginnt mit dem Feuersturm von Hamburg 1943 und entfaltet von dort eine psychopolitische Analyse, die wie für deutsche Sensibilitäten geschrieben scheint: ein Angebot, noch einmal neu und anders über den 7.10., seine Vorgeschichte und Folgen nachzudenken. No 9 März 2025 Paul B. Preciado Die anderen Leben der Emilia Pérez Mit dem Narko-Musical-Thriller Emilia Pérez wollte Hollywood einen alternden weißen Regisseur und eine mexikanisch inspirierte trans Schauspielerin für ihren vermeintlichen Wagemut feiern. Nun killen rassistische Tweets von Karla Sofía Gascón die Party. Der eigentliche Skandal liegt aber woanders. No 9 März 2025 Robin Detje Diese Spielhalle ist kaputt Der eine ging von Osten über die Grenze, den anderen zog es noch weiter westwärts: Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann. Ihre wieder oder erstmals herausgegebenen Texte zeugen von Krämpfen und zudringlicher Verletzlichkeit. Und einer Vergangenheit, die zur Abwechslung mal wirklich vergangen ist. +pt No 9 März 2025 Ricardo Domeneck Ithaka in Rio Würde Victor Heringer noch leben, wäre er fünf Jahre älter als Enis Maci und fünf Jahre jünger als Leif Randt. Begegnet ein europäisches Publikum dem begnadeten Schriftsteller aus Rio also ähnlich wie dieser Generation? Oder stecken wir auch beim Lesen in geopolitischer Überheblichkeit fest? No 9 März 2025 Anja Kümmel Blackbox Autofiktion Was nützt Maschinenstürmen gegen KI, und was das Erzählen, wenn ChatGPT schon die Ghost Writer ersetzt? Im Stop-and-Go von Reflexion, Ironie und Versenkung rüttelt Jonas Lüschers Roman Verzauberte Vorbestimmung so ehrgeizig wie kaum ein anderer an der Blackbox Gegenwart. Mit den richtigen Mitteln? No 9 März 2025 Isabel Jacobs Die Dritte Stadt Im «Charlottengrad» der 1920er lebten nicht nur Nabokov und Schklowski, sondern eine halbe Million exilierter Sowjetbürger. Roman Utkins gleichnamiges Buch zeigt diese Community in ihrer ganzen existentiellen Ambivalenz – und wirft ein schillerndes Gegenlicht auf Berlins heutige Exilanten. No 9 März 2025 Frederik Tidén Verräter wie er «Ich hasse das Telefon», schrieb John le Carré an seinen Verleger, und auch sonst verschickte er wie manisch Briefe: an Philip Roth, Gary Oldman oder Margaret Thatcher. Eine wuchtige Ausgabe zeigt ihn auf 700 Seiten als politisch Wankelmütigen, der am liebsten zwei Dinge tat: umgarnen und absagen. No 9 März 2025 Philine Bickhardt Sarajevo raucht Miljenko Jergovićs Sarajevo Marlboro-Erzählungen erschienen noch während der 1452-tägigen Belagerung der Stadt und halfen dabei, sie zum literarischen Erinnerungsort Europas zu machen. 30 Jahre später vermittelt ein Doppelgänger-Fortsetzungs-Band den Eindruck, es hätte sich kaum was geändert. No 9 März 2025 Maxi Wallenhorst Außer für uns In den Ruinen der Sozialdemokratie klammern sich Berlin Gothic-Romane an die Versprechen aus Sexpositivity und günstigem Wohnraum. Auch Aria Abers Good Girl ist ständig im Berghain, findet jedoch in migrantischen Realitäten ein starkes Gegengewicht. Reicht das, um Berlin-Fantasien auszunüchtern?
+fr No 8 Jan. 2025 Nedjib Sidi Moussa Die zwei Algerienkriege Kamel Daoud, Gewinner des Prix Goncourt 2024, gilt in Frankreich als maßgebliche Stimme des intellektuellen Algerien und Experte für koloniale Vergangenheit, Islamismus und Einwanderung. Sein Roman Houris behandelt den algerischen Bürgerkrieg der 1990er – und lässt einige historische Lücken. No 8 Jan. 2025 Anja Kümmel Gärten ohne Gebiet Neue Bücher von Enis Maci mit Pascal Richmann, von Philipp Simon und Bettina Balàka durchleuchten das toxische Verhältnis von Mensch und Natur. Die war immer auch menschengemacht, klar – neuere emergente Phänomene lassen aber zweifeln, ob Menschen wirklich die Masterintelligenzen des Planeten sind. +it No 8 Jan. 2025 Clara Miranda Scherffig Das Riefenstahl-Prinzip Mit 97 überlebt Leni Riefenstahl einen Hubschrauberabsturz im Sudan – eine weitere Survivor-Story in ihrem an Heldengeschichten reichen Leben. In Andreas Veiels Doku Riefenstahl sind es nicht die kleinen Fehler, die R.s Lebenslügen aufdecken. Es ist die archivarische Sammelwut der Autorin selbst. No 8 Jan. 2025 Philipp Goll Pipelinekolonialismus Schon vor 1900 lieferte Mannesmann Pipelines nach Sibirien. Was für die BRD zu lukrativen Energieimporten führte, hat in Russland kolonialistische Auswirkungen bis heute. Matteo Sciannas Sonderzug nach Moskau erzählt die deutsch-russische Energiesymbiose, übersieht aber ihren kolonialen Aspekt. +en No 8 Jan. 2025 Elad Lapidot Kritik der diasporischen Vernunft (Verteidigung Judith Butlers) Für viele ist Judith Butler – in Nachfolge Hannah Arendts – zur «passioniertesten säkularen jüdischen Kritikerin des Zionismus» im 21. Jahrhundert geworden. Wer Butlers Schriften über Israel und Palästina ernst nimmt, erkennt ein Denken der Gewaltlosigkeit, das beide Konfliktparteien herausfordert. +en No 8 Jan. 2025 Miriam Stoney Rooney & Cusk Der Konsens ist gewaltig: Rachel Cusk und Sally Rooney sind nicht irgendwelche Autorinnen, sie haben Maßstäbe definiert, an denen man sie fortan misst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eifrige Rezensenten am Sockel rütteln, auf den sie die beiden einst setzten.
+en No 7 Nov. 2024 Michal Ben-Naftali 10/7, von der Häresie zur Sühne Wie man den Holocaust und andere Gräuel medial darstellen sollte, wurde in den 80ern und 90ern heftig diskutiert; heute durchzieht ein betäubender Bilderstrom das Internet. Eine kohärente Geschichte zu erzählen, vermag er nicht. Zwei Bücher von Lee Yaron und Amir Tibon über den 7.10. versuchen es. en No 7 Nov. 2024 Rachel Pafe Looking for Susan Over the last 50 years, seeking dead women has become a strangely popular topic of novels, biographies, and autofiction—with authors often as female, white and floundering as their objects of desire. But besides the mix of undiscovered talent and morbid glamor, what are they really looking for? +it No 7 Nov. 2024 Paola Moretti «Sogar die Worte, sie müssen gefrieren» Vier Stunden dauere die Lektüre eines Buchs von Fleur Jaeggy, sagte Joseph Brodsky, aber um das Gelesene zu verarbeiten, brauche man ein Leben lang. Mit über achtzig erfährt die schweizerisch-italienische Autorin, deren Romane und Erzählungen von herber Strenge sind, eine verdiente Neuentdeckung. +en No 7 Nov. 2024 Jan Altaner Weniger als ein Staat Rashid Khalidis Der Hundertjährige Krieg um Palästina vertritt eine historisch-kritische Lesart des Nahostkonflikts – gegen den Mythos, der ihn als Clash zweier unvereinbarer Narrative darstellt. Was international als neues Standardwerk begrüßt wird, gerät in Deutschland unter Extremismusverdacht. No 7 Nov. 2024 Julia Friese Was soll das? Es scheint, Michael Lentz habe aus Gesprächen mit Grönemeyer ein Buch über Grönemeyer gemacht. Doch der Schein trügt. Statt einer Erzählung, die den Menschen hinter dem Kunstarbeiter porträtiert, wird eine staubtrockene Werkbiografie serviert, die zwischen Handbucheintrag und Harmonielehre versackt. No 7 Nov. 2024 Robin Detje Die letzte Schlacht von Berlin Zur Berliner Spielzeiteröffnung trifft das Kraftakttheater der älteren Männer auf die Postdramatik einer jüngeren Generation, die sich weigert, das Rad der Gewalt immer weiter zu drehen. Das größere Drama spielt derweil fernab der Bühnen, wo das subventionierte Theater ums Überleben kämpft. No 7 Nov. 2024 Ingo Meyer Boulevard Bienek Krieg, Vertreibung, Zwangsarbeit prägten Horst Bieneks frühen Jahre; später lebte er im Stil eines Kulturattachés im Speckmantel der BRD. 1.700 triefende Tagebuchseiten zeigen den oberschlesischen Autor als einen, der künstlerisch wenig zu geben wusste, aber stets davon ausging, man schulde ihm was. No 7 Nov. 2024 Luca Di Blasi Licht für die Nationalisten Wenn Kunst kollektive Schmerzpunkte der Gegenwart berührt, aber keinen Aufschrei provoziert: Eine nüchterne Eloge an Yael Bartanas zeitdiagnostisches Meisterwerk Farewell in Venedig, das nach Aussage der Künstlerin «eine Art Endlösung» zeigt, aber nicht die von den Nazis imaginierte. +en No 7 Nov. 2024 Max Krahé Das Ende der Maastricht-EU Der Delors-Report bereitete 1985 das «Maastricht-Europa» mit EU-Binnenmarkt und Währungsunion vor. Mario Draghis Bericht für die EU-Kommission propagiert nun einen Paradigmenwechsel von der Wettbewerbsfähigkeit zur Produktivität. Der EU bleibt gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
No 6 Okt. 2024 Diedrich Diederichsen Don’t Cry Woke Jens Balzer und Susan Neiman wollen die Linken vor den «Woken» retten, sind sich aber vollkommen uneins darüber, was an dieser Sensibilität das Schlimmste sein soll. Geht’s ihnen gar nicht um aktuelle politische Kämpfe, sondern um ein Ideengerüst aus den 90ern – das einfach mal ein Update braucht? No 6 Okt. 2024 Samir Sellami Staatsfeind Winnetou Als in den 60ern in Jugoslawien die Winnetou-Filme gedreht wurden, kamen die Komparsen, die in Cowboy-und-Indianer-Drag aufeinander schossen, vom Balkan und der Vojvodina. Jahrzehnte später bekriegten sie sich in echt. In Die Projektoren macht Clemens Meyer daraus ein melancholisches Wende-Epos. No 6 Okt. 2024 Florian Mühlfried Kaukasus rekolonial Grosny, «Die Schreckliche», wurde 1818 als russische Garnison im Kaukasus gegründet. Von hier dominierte das Zarenreich, die UdSSR, schließlich Putin die Gebirgsregion. Tschetschenen, Georgier und Armenier haben ein taktisches Verhältnis zur Großmacht. Ein Modellfall von russischem Kolonialismus? No 6 Okt. 2024 Felix Lüttge Gezeitenwende Anders als der Greenwich-Meridian kennt der Meeresspiegel keinen international vereinbarten Nullpunkt. Das macht die Geschichte seiner Bestimmung zum Zankapfel von Interessen. Und es erklärt, warum der, nein: die steigenden Meeresspiegel das politische Koordinatensystem neu kalibrieren. +en No 6 Okt. 2024 Florian Fuchs Rosa Farocki Mercedes Putz Kunstfilmer oder Autor, Gigworker oder Denker, Idealist oder Stratege – was war Harun Farocki? Seine Schriften in sieben Bänden und Nora Alters Forms of Intelligence zeigen ihn als autodidaktischen Trickster, für den das Spiel mit den Masken des Selbst formale und biografische Notwendigkeit war.
en No 5 Aug. 2024 Miriam Stoney The Good Enough Translator Recent novels by Jennifer Croft and Kate Briggs amp up the role of the literary translator precisely in a the moment when the machines take over. Is this a last hurrah of a heroic yet notoriously invisible profession – or does it betray an ignorance of what translators are actually doing? en No 5 Aug. 2024 Edna Bonhomme Mothering Contradictions «I dreaded encountering what I already knew: that I was more likely than white women or non-Black women of color to deliver a child prematurely, more likely to die from childbirth, and more likely to have my pain ignored by the medical professionals tasked with keeping me safe.» No 5 Aug. 2024 Oliver Weber Dualismus der Aufklärung Daniel Loicks Theorie der Gegengemeinschaften will helfen, die herrschenden Verhältnisse zu überwinden. Doch ihm fehlt ein Begriff von Herrschaft, der diese Verhältnisse systembewusst beschreibt. Seine Kritische Theorie erstarrt in Schemata von Macht und Gegenmacht, Gesellschaft und Community. No 5 Aug. 2024 Leonie Hunter Triangle of Dropouts Die zeitgenössische Art World inszeniert sich als klassenlose Gesellschaft. Von Cool Britannia bis Corona erzählt Hari Kunzru im dritten und letzten Teil seiner Kunstbetriebstrilogie den Ruin dieses Milieus, in dem jede soziale Situation von der Frage ihrer Vermarktbarkeit umklammert wird. No 5 Aug. 2024 Maxi Wallenhorst Begehre, was dich kaputt macht Im Neoliberalismus verkümmerten die Glücksversprechen der Wirtschaftswunder zu einem Komplott aus Prekarität und Optimierungswut. Wie beschreibt man so ein Lebensgefühl? «Grausam optimistisch», nannte es Lauren Berlant 2011. Ein Instant Classic jüngerer Theoriebildung, endlich auch auf Deutsch.
No 4 Juni 2024 Naoise Dolan Millennial English A generation of Europeans has come of age speaking English as a lingua franca or as a professional language. What does this do to national literatures? Three novels by Colin Barrett, Veronica Raimo and Leif Randt wield subtle strategies to subvert the Anglo-American linguistic dominance. No 4 Juni 2024 Robin Detje Genie auf 70 Leiser, als man vermuten konnte, hat Rainald Goetz sich von der Gegenwart entfernt. Die stützenden Männerzirkel, auf denen sein Genietum ruhte und deren Geheimwünsche er erfüllte, es gibt sie nicht mehr. Einige Passagen aus der Textsammlung wrong deuten an, dass darin auch eine Erlösung liegt. No 4 Juni 2024 Marlene Militz Weg war er «Der Palast der Republik ist Gegenwart», behauptet eine Ausstellung im Berliner Stadtschloss. Das ist selbstredend Quatsch, denn er wurde vom nationalkonservativen Schlossneubau verdrängt. Das «Forum für Vielstimmigkeit», das das Humboldt-Forum seither sein möchte, ist eines für Geschichtsklitterei. No 4 Juni 2024 Hanna Engelmeier Haken schlagen Nach zwei wild experimentierenden lyrischen Werken jetzt ein Roman: Mit Hasenprosa buddelt sich Maren Kames als eine der gelenkigsten Stimmen in die Mitte der deutschen Gegenwartsliteratur. Wer sich von der Lektüre jedoch eine Hatz auf fixe Bedeutung erhofft, wird ohne Beute nach Hause gehen. No 4 Juni 2024 Barbara Vinken Flauberts schlüpfrige Trauerarbeit Autobiografisches war ihm fast so zuwider wie Klerus und Bürgertum. Umso wertvoller sind Flauberts neben weiteren Skizzen lange verschollene Grabreden auf beste Freunde. Sie zeugen von seinem Hass auf die Ehe und einer Gegenutopie: Familien «im Geiste», die keine Kinder produzieren, sondern Werke. No 4 Juni 2024 Matthias Ubl Glauben, Lieben, Kämpfen Umwelt, Klima, Frieden, alles geht dahin. Viele suchen deshalb Halt in neuen esoterischen Praktiken oder alten Erlösungsreligionen. Was sollen aber all jene tun, die das zu eskapistisch finden? Einen «säkularen Glauben» entwickeln, sagt Martin Hägglund in einem großen philosophischen Entwurf.
No 3 Mai 2024 Leila Essa Aktive Literatur Kunst ist politisch, aber wie genau? Im Namen ihrer Generation lassen Isabella Hammad und Yara Rodrigues Fowler Hamlet in der Westbank und Marx gegen die Militärjunta antreten. Wie gelingen Erzählungen politischer Mobilisierung? Und wen mobilisiert eine solche Literatur? No 3 Mai 2024 Verena Lueken Parallele Künste «Eine Karriere als süchtiges Sex-Symbol nimmt gezwungenermaßen ein Ende. Als Schriftstellerin kann ich so langlebig sein, wie die Wissenschaft es erlaubt» – die Figuren in Almodóvars Erzählungen plaudern aus, warum der Regisseur immer auch schrieb: über Verlust, Einsamkeit, und natürlich die Mutter. No 3 Mai 2024 Eva von Redecker Vom Riss zum Abyss Kapitalismus speist sich aus einem Verdauungsproblem: Damit er gedeiht, muss seine Ausscheidung exponentiell wachsen. Simon Schaupp analysiert unsere metabolische Misere mit den Mitteln historischer Soziologie. Bleibt die Frage, wie man die Politik aus ihrer selbstverschuldeten Verstopfung befreit. No 3 Mai 2024 Cosima Mattner Artificial Intimacies Die Superintelligenz muss warten: Bisher sind auch die besten verfügbaren KI-Chatbots nicht besser als eine beflissene, aber unzuverlässige Version unserer selbst. Zeit, sich mit ihrer Assistenz vertraut zu machen. Und das heißt: Sie kennenzulernen wie die sprunghaften Pseudomenschen, die sie sind. No 3 Mai 2024 Gerhard Poppenberg Die Zehnte Muse Uns ist sie kaum bekannt, in Mexiko eine Ikone: Als dichtende Nonne und fanatische Rationalistin sprengte Sor Juana alle Erwartungen des 17. Jahrhunderts. Eine neue Übersetzung lädt ein, die Hochbegabte bei ihrem Höhenflug zum Scheitelpunkt der Vernunft zu beobachten. Wenigstens aus «der Ferne». No 3 Mai 2024 Kai Marchal Die Rache der Muskatnuss Die asiatischen Mächte, heißt es oft, strebten nach ökonomischer Hegemonie, nicht nach geistiger Vorherrschaft. Neue Bücher zeigen: Im Hintergrund formiert sich längst ein neues asiatisches Bewusstsein, das zwischen Revision und Revisionismus seiner Geschichte universalistische Ausgänge sucht. No 3 Mai 2024 Moritz Baßler Kafka in Farbe Eins hat Kafka vielen Klassikern voraus: Er ist ein Meme, oder hat jedenfalls Memes produziert. Die Kafka-Serie von David Schalko und Daniel Kehlmann kann Die Verwandlung entsprechend als Schattenspiel-Gimmick inszenieren. Selbst der gelangweilte Germanist muss anerkennen: Das ist rundum gelungen. No 3 Mai 2024 Gabriela Polit Dueñas Ausgerechnet in Texas Manche murren: García Márquez’ letzter, posthumer Roman über eine Frau, die Reisen ans Grab ihrer Mutter mit erotischen Abenteuern verbindet, wäre besser gar nicht erschienen. Doch weil Bücher Beziehungen sind und Vorlesen eine Art des Verabschiedens, ist unsere Autorin heilfroh, dass es anders kam.
No 2 Apr. 2024 Ulrich van Loyen Die Wohlgesinnten, 1942 ff. Die Fiktion einer «Stunde Null» ließ viele Deutsche nach 1945 an ihre Besserung glauben. Frank Trentmanns Gewissensgeschichte zeigt jedoch, wie sehr das moralische Empfinden der Nachkriegsdeutschen dem der Nazideutschen entsprach – mitsamt einer Mitleidslosigkeit, die noch heutige Debatten prägt. No 2 Apr. 2024 Birthe Mühlhoff Schwere Geburten «Da sitzen sie alle, allein zu Hause, und schreiben sich die Seele aus dem Leib, erfahren Mutterschaft als Verlust eines Ichs, das ihnen so lieb geworden ist» – Birthe Mühlhoff seziert die Flut der Neuerscheinungen über Mutterschaft; in harten, ehrlichen, aber doch zärtlichen Worten. +en No 2 Apr. 2024 Fatin Abbas Blutige Trennung Mohamed Kordofani gehört zu einer Kohorte junger, autodidaktischer Filmemacher aus dem Sudan. Sein Goodbye Julia lief als erster sudanesischer Film in Cannes. Gender- und klassensensibel erzählt er von der rassistischen Hierarchie zwischen Nord- und Südsudan, die das Leben von Generationen prägt. No 2 Apr. 2024 Katharina Borchardt Atmen lernen Han Kang spricht leise und schreibt leise Literatur. Aber gerade damit erreicht sie Themen von äußerster Brutalität. Katharina Borchardt ist ihr mehrmals begegnet und rekonstruiert eine einzigartige literarische Werkgenese: immer nah bei den Pflanzen, an den Grenzen der Sprache und doch politisch. No 2 Apr. 2024 Anja Kümmel Sucht nach Härte Einer Mutter wird das Sorgerecht aberkannt, weil sie jetzt Sex mit anderen Frauen hat. Constance Debré macht aus diesem Trauma Autofiktion. Die Skandalisierung des Buches durch Medien und Kritik zeugt von der tiefen Verankerung heteronormativer Überzeugungen auch in progressiven Kreisen. No 2 Apr. 2024 Benjamin Loy Im Süden nichts Neues Carlos Fonseca gilt als Wunderkind der lateinamerikanischen Literatur. Eine Künstlerin nach dem Sprachverlust, ein gewissenhafter Anthropologe, ein Literaturprofessor als Detektiv – in seinem dritten Roman Austral treibt er sein Spiel mit den Metaebenen auf die Spitze. Zu welchem Ende? en No 2 Apr. 2024 Rose-Anne Gush Brothers in Arms Germany takes pride in its memory culture. But its often self-congratulatory remembrance rituals have many blind spots. One of them is the network of international solidarity that the GDR was part of. Echos of the Brother Countries, an exhibition at HKW Berlin, allows for a closer look. No 2 Apr. 2024 Judith Solty, Ingar Solty Frau ohne Eigenschaften Bist du Bürgerkind und fällst hin, dann hebt dich deine Familie auf. Bist du Arbeiterkind, dann bleibst du liegen. Fien Veldmans Roman Xerox zeigt, wie sich die Klassenverhältnisse auch in der scheinbar flachen Start-up-Welt reproduzieren, ja verschärfen. en No 2 Apr. 2024 Wanda Gaimes Critical Rave Theory Kids these days flock to raves as if they were the latest incarnation of transcendence, but what about the political economy that squeezes profit out of every last pocket of subculture? McKenzie Wark and Hannah Baer on raving during a pandemic, late in life, and its ambivalent politics.
No 1 Feb. 2024 Anja Kümmel Weird in Venedig Die Welt ist längst untergegangen, und wir leben im Epilog. Diese Konsequenz aus dem Anthropozän verbaut New-Weird-Literatur in subtil apokalyptischen Szenarien. Auch Bruno Pellegrino erzählt das Weltende nicht als großen Crash, sondern leise, eindringlich und mit zart schimmernder Hoffnung. No 1 Feb. 2024 Birthe Mühlhoff Die spinnen, die Spätrömer Goldene Zeitalter hätten ihn nie fasziniert, schreibt Peter Brown in seiner Autobiografie. Fast im Alleingang hat er aus der Spätantike ein respektables Forschungsthema gemacht. Den meisten gilt die Zeit um den Niedergang Roms als irrational und finster, bei ihm schillert sie in ansteckendem Licht. No 1 Feb. 2024 Carolin Amlinger Softe Power Flauschige Cover, saftige Liebesgeschichten, Wohlgefühl durch Wiedererkennung. Romance-Romane stehen bei jungen Leser:innen, auf BookTok und in Bücherblogs hoch im Kurs. Doch sie sind nicht bloß heimelige Unterhaltung. Sie tragen bei zur schleichenden Verschiebung der Hierarchien des Geschmacks. No 1 Feb. 2024 Felix Lüttge Kalifornien ist mir sehr wichtig Was wäre die Welt ohne Palo Alto, Palo Alto ohne Stanford und Stanford ohne Kalifornien? Malcolm Harris’ geschickt erzählte Geschichte des kalifornischen Kapitalismus setzt alles daran, den Geniekult des Valley zu demontieren, vergisst dabei aber das Wichtigste: die Arbeitenden. No 1 Feb. 2024 Hanna Engelmeier Können die weg? Unangenehme bis grausame Menschen sind in der Kulturgeschichte, genau wie im Alltag, keine Mangelware. Kann man, vielmehr: darf man das Kunstwerk lieben, auch wenn man den Künstler verachten muss? No 1 Feb. 2024 Katharina Borchardt Reise ins Zentrum der Nacht In den 70ern schrieb er Heldengeschichten fürs chinesische Militär. Dann wurden die Chimären der Kindheit und Ängste der Kameraden zum Stoff seiner sprachgewaltigen Literatur. In volksnahen, wüsten Bildern beschwört Yan Liankes neuester Roman eine Genealogie der Gewalt in China von Mao bis Xi. No 1 Feb. 2024 Maxi Wallenhorst Realness der Widersprüche Radikales trans Denken nimmt die geschlechtliche Dimension von Selbstbestimmung ernster als jede andere Theorie und hat genau deshalb einen schweren Stand. Eine neue, Kurze Geschichte der Transfeindlichkeit sucht nach Wegen, trans Erfahrung jenseits von Panik und Idealisierung gerecht zu werden. en No 1 Feb. 2024 Miriam Stoney What Letters Do Letters are not quite a thing of the past; as a literary device they’re perfectly alive to open some doors and keep others shut. In current works by Adam Thirlwell, Ridley Scott and Maïwenn, letters trigger different yet eerily similar gendered fantasies about who is entrusted to write them and why. No 1 Feb. 2024 Wolfgang Hottner F wie Fjordeinsamkeit Jon Fosses Abgeschiedenheit ist Kult. Der Nobelpreisträger von 2023 zeigt sich, wenn er sich zeigt, mit Vorliebe in erhabener, schroffer, auch etwas öder Fjordlandschaft. Doch hinter dem Einsiedleridyll zieht ein betriebsames Fördernetzwerk manch einen Faden. No 1 Feb. 2024 Yelizaveta Landenberger Flickwerk an einer Leiche Prophetie mit oder ohne Puschkin. In Sergej Lebedews Erzählungen fault nicht nur das Gebälk der Lubjanka, auch die großen Fortschrittserzählungen Russlands verwesen und geben den Blick frei – auf Totengräber, Giftmischer, Geheimdienstler und noch weit seltsamere Gestalten.