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OroppaSafae el Khannoussiübers. v. Stefanie Ochel aus dem Niederländischen
HanserFeb. 2026 26 € 352 S.

Kurz vor der Jahrtausendwende publizierte Pascale Casanova ihren heute berühmten Gedanken: Autoren, die im 19. Jahrhundert fernab der literarischen Zentren schrieben, mussten sich auf ihrem Weg in die Weltliteratur durch besondere formale Kühnheit auszeichnen. Wobei sich in den Peripherien die Erneuerung der Formen nicht schrittweise vollzog, wie in London oder Paris, sondern sprunghaft. In den Vereinigten Staaten brachte das einen Herman Melville hervor, in Brasilien Machado de Assis. Im Jahr 1860 wuchs auch den Niederländern ein Meisterwerk zu: Max Havelaar, Multatulis Anti-Roman über einen idealistischen Bürokraten und seinen irren Kampf um Gerechtigkeit für Millionen Javaner.

Multatuli ist das Pseudonym von Eduard Douwes Dekker, der Roman gründet auf seinen Erlebnissen. Geboren in eine Amsterdamer Familie mittleren Stands trat er als Erwachsener in den Ostindien-Dienst und geriet mit den Kolonialbehörden aneinander. Sein Roman erzählt, unter anderem, wie der kleinkarierte Kaffeehändler Batavus Droogstoppel ein Buch finanziert, das quer zu seinen Absichten den Kolonialismus entlarvt und Reformen anstößt.

Auch abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Neben seiner explosiven Thematik war Max Havelaar vor allem ein formintensives literarisches Juwel. Die ständig mutierende, ausschweifende Erzählung passte nicht in das kolonisierte Hinterland von Rangkasbitung, und schon gar nicht in die verschlafene Heimat, wo Schriftsteller im 19. Jahrhundert keine Rebellen, sondern ehrbare Bürger waren. Zusammengeflickt aus Briefen und bürokratischer Prosa, Listen, Satire und integriertem Theatertext, kehrte das Werk die Widersprüche zwischen dem liberalen Selbstbild der Niederländer und ihrem auf Gewalt und Enteignung gegründeten Reichtum hervor. Englisch-französischer Realismus zerfällt unter imperialem Druck.

Keine global novel der billigen Sorte

Vergleichbares geschieht in Oroppa, dem vielschichtigen Romandebüt der 1994 in Tanger geborenen Safae el Khannoussi. Ihre literarischen Wegbereiter sind nicht die Heroen der niederländischen Moderne, sondern globale Größen wie Danilo Kiš und Roberto Bolaño. Für Schriftsteller aus einem kleinen Land kann die neue globale Verfügbarkeit literarischer Formen ein Segen sein. Unter niederländischen Autor:innen etwa führt sie zu einem besonders schnellen Verschleiß angloamerikanischer Schnittmuster – wenn sie nicht gleich, wie Yaël van der Wouden mit ihrem für den Booker Prize nominierten The Safekeep, auf Englisch schreiben.

Safae el Khannoussis Oroppa ist nun kein kalorienarmes Produkt der literarischen Globalisierung. Anders als die meisten ihrer niederländischsprachigen Altersgenossen kam el Khannoussi früh mit arabischen und frankofonen Literaturen in Kontakt, deren prägender Einfluss auf dieses Debüt unübersehbar ist. Oroppa ist lesbar und weltgewandt, strotzt vor klassisch modernem Ernst und verknüpft postkoloniale marokkanische Literatur mit erzählender Mündlichkeit und testimonio. Wobei ästhetischer Einfluss bekanntlich keine Einbahnstraße ist: Bolaño und Kiš drangen ins Zentrum, das heute natürlich in den USA liegt, und wurden dort selbst zu zentralen Größen; Autor:innen von den Rändern eignen sich dominierende Schreibweisen an und widersetzen sich so ihrer Unsichtbarmachung. Ist Safae el Khannoussi mit diesem Roman beides gelungen?

In den Niederlanden wurde das Buch zum Bestseller, gewann zwei Literaturpreise und wird nun in zahlreiche Sprachen übersetzt (ins Deutsche von Stefanie Ochel). Zum Teil erklärt diesen Erfolg der immense geografische Rahmen, den die diversen Erzählerinnen zwischen dem postkolonialen Marokko, dem Knotenpunkt Amsterdam, einem migrantisch-arkanen Paris und Tunesien kurz nach dem Sturz Ben Alis aufspannen. Diese ständigen Ortswechsel und das ständig anwachsende Figurenarsenal muten labyrinthisch an, doch die Kerngeschichte um eine jüdisch-marokkanische Dissidentin und ihren ehemaligen Folterer ist relativ einfach gestrickt: Unter Hassan II. erreichten die anti-demokratischen «bleiernen Jahre» Marokkos Ende der 1970er ihren traurigen Höhepunkt – die Episoden aus dieser Zeit geben dem Roman seine historische Tiefe. Näher zur Gegenwart verlebt die inzwischen als Malerin erfolgreiche Salomé Abergel ihr Exil an der Amsterdamer Rivierenbuurt, während der Ex-Scherge Yousef Slaoui das seine als todkranker Säufer im Fegefeuer von Amsterdam-Noord fristet. Als Slaoui eines Tages den Fluss überquert und an Salomés Tür klingelt, gerät diese in Panik, vertreibt ihn mit einem Eimer siedenden Wassers und flieht: nach Tunesien.

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Schiffbruch an der Rivierenbuurt

Einer bescheideneren Autorin hätte das als Plot vielleicht schon gereicht – nicht so Safae el Khannoussi, die das Nachbeben dieser Begegnung über zwei Kontinente und ein Dutzend Städte verfolgt. Vom Pariser Stadtteil Belleville aus macht sich Salomés Sohn Irad – geboren in einem marokkanischen Gefängnis und heute Betreiber eines Tag- und Nachtcafés für Migranten und Drifter – auf den Weg nach Amsterdam, um herauszufinden, was aus seiner verschwundenen Mutter geworden ist. Hbib Lebyad, ein übergewichtiger, ehemaliger Zirkusartist und tunesischer Imbissbesitzer, vertraut seiner Lieblingsmitarbeiterin Hind die verwunschene Wohnstätte Salomé Abergels an, samt letzter hinterlassener Gemälde.

Salomé selbst findet Unterschlupf in Lebyads alter Wohnung in Tunis, wo sie von ihrer nervösen Agentin gestalkt wird (erfolglos). Der eigentliche Mieter dort ist eine der vielen starken Nebenfiguren und zugleich eine Allegorie auf die postrevolutionäre Paralyse einer ganzen Region: Azzedine, ein wie schon sein Vater gedemütigter Justizangestellter, dessen einziger Job bei Gericht die Verlängerung der Bürokratie ins Unendliche ist. Am Ende liest Irad in einem Bündel von «Angstheften», zurückgelassen von einer namenlosen marokkanischen Dichterin, die wie Salomé Anfang der Achtziger nach Gefängnis und Folter ins Exil ging. Die Tagebücher, die auch der Erzählerin «vorliegen», füllen ein paar Lücken im Lebenslauf seiner Mutter.

Für sich genommen sind all diese Handlungsstränge weniger überzeugend als ihr Zusammenspiel: Nach hundert etwas diffusen Seiten gelingt es el Khannoussi, mit der Captain-Ahab-mäßig verzögerten Einführung Slaouis die Geschichte zu grounden; erst im letzten Drittel des Romans wird Salomé im Stil einer Bolaño-Figur vom Gerücht zur Akteurin. Doch der eigentliche Protagonist des Romans, das spürt man an seinem Ende ganz deutlich, ist die Prozession der verstreuten Einwanderer aus dem Bauch Europas. In diesem «Oroppa», wie man im Maghreb sagt, sind Chor und Einzelstimme nicht voneinander zu trennen.

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