Anzeige
Gesicht aus SteinWilliam Gardner Smithübers. v. Gregor Runge
Nagel und KimcheMai 2025 24 € 304 S.

Paris. Peace. Or is it?

Vor etwas weniger als sechzig Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Autor William Gardner Smith einen Roman, dessen Leitfrage heute so aktuell ist wie damals: Wie verteidigen oder verdrängen Staaten, die sich selbst als Bringer und Verteidiger der Menschenrechte verstehen, ihre flagrante Missachtung derselben? The Stone Face aus dem Jahr 1963 ist kein Thesenroman, sondern eine stark autobiografisch inspirierte Erzählung aus dem Paris der frühen 1960er Jahre, in deren Zentrum ein junger Schwarzer Journalist namens Simeon steht, der, wie viele US-amerikanische Schwarze Künstler und Intellektuelle es damals ja wirklich taten, vor amerikanischem Rassismus in die französische Hauptstadt flieht.

Die Geschichten sind bekannt. Für James Baldwin war Paris das «refuge from American madness», für Josephine Baker ein «fairyland place» ohne Angst und für Richard Wright eine «racially (…) free city», in der einem einzigen Häuserblock mehr Freiheit innewohne als den gesamten USA. Der weniger bekannte und bis zur Neuauflage in der NYRB-Classics-Reihe im Jahr 2021 weitgehend vergessene Smith teilte mit diesen berühmten Exil-Amerikanern sowohl die Erfahrung der American madness als auch die Begeisterung für das Feenland ohne Rassismus. Zunächst zumindest.

Traumatisiert von den regelmäßigen und brutalen Gewalterfahrungen in den Vereinigten Staaten hat Smiths Romanfigur Simeon anfangs Schwierigkeiten, dem Gerücht der französischen Farbenblindheit zu glauben. Zu sehr verfolgt ihn das titelgebende «Gesicht aus Stein», eine Grimasse von «hatred and denial», die er in den USA immer dann erlebte, wenn latenter in manifesten Rassismus und dieser in sadistische Gewalt umschlug. Als Teenager wurde ihm von einem Gang-Leader ein Auge ausgestochen, einfach, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war; ein Polizist verhaftete ihn, wie es auch Smith mit 14 geschah, willkürlich, und misshandelte ihn auf einer Polizeistation, weil ihm der nötige «Respekt» gefehlt habe. Von einem Matrosen wurde er, wie auch Smith mit 19, in einer Bar verprügelt: einfach, weil er dort mit einer weißen Frau zusammensaß. Die Beispiele sind autobiografisch und doch emblematisch. Staat in Form der Polizei, Zivilgesellschaft und Sexualität bilden im Roman die Bruchlinien, an denen Rassismus auch in Zeiten formaler Gleichheit manifest wird.

Die besten Texte in Ihrem Postfach
Unser kostenloser Newsletter

Newsletter-Anmeldung

Zu Simeons Überraschung aber scheint sich die Erzählungen vom französischen Universalismus im Alltag zunächst einmal zu bestätigen: Die französische Polizei zeigt sich als Garant seiner Sicherheit, nicht seiner Gefahr; ein Barkeeper verteidigt ihn gegen die rassistischen Angriffe reisender US-Amerikaner; und auch ein Flirt oder gar eine Beziehung mit weißen französischen Frauen scheinen ohne größere Probleme möglich. Simeon schließt schnell Freundschaft mit dem immer fröhlichen Babe, einem anderen Schwarzen Exil-Amerikaner, dessen Enthusiasmus jenem Richard Wrights in keiner Weise nachsteht, und beginnt schließlich doch an die «racially free city» zu glauben. «America was behind him, his past was behind him, he was safe. (…) Paris. Peace.»

«You Don’t Know How They Are»

Doch hält die Freude nicht lange. Als Simeon die Bekanntschaft einer Gruppe Algerier macht, muss er bald feststellen, dass der Rassismus nicht verschwunden ist, sondern lediglich die Seiten gewechselt hat. «How does it feel to be a white man?», fragt ihn Ahmed, nachdem er Opfer von Polizeigewalt wird, während derselbe Polizist sich mit Simeon verbrüdert: «You don’t understand. You don’t know how they are, les Arabs (sic!).»