172 Min. 16 Juli 2026
Epen, besonders homerische, sind ein Nährboden für Übertreibungen. Die Ilias ist voller Gewalt, lässt im Chaos einen antiken «Nebel des Krieges» aufziehen und zeigt schonungslos, wie «große Männer» sich selbst und ihren Mitmenschen Schaden zufügen. Die Odyssee strahlt in ihrer Konzentration auf die Heimkehr eines Mannes mehr Ruhe aus, ist aber für das Verständnis sowohl des antiken Griechenlands als auch der Welten, die sich als dessen Erben begreifen, nicht weniger entscheidend. Das Epos vom Krieg galt lange Zeit als das bedeutendere Werk; der spätantike Philosoph Longinus nannte die Odyssee «nichts anderes als einen Epilog zur Ilias». Seit gut einem Jahrhundert aber ist die Erzählung der Heimkehr auf dem Vormarsch, zumal in den letzten 25 Jahren: von Stanley Lombardos Übersetzungen und O Brother, Where Art Thou? im Jahr 2000 bis zu Christopher Nolans IMAX-Spektakel im Juli 2026. Wir leben im «Odyssozän», und kaum jemand fragt, warum. (Ich habe es versucht, in meinem kürzlich erschienenen Buch Why Odysseus? Survivor, Scoundrel, (Anti)Hero.)
Schon in der Odyssee selbst ist die Geschichte ihrer Rezeption ein eigenes Thema. Das vierte Buch gibt uns in der Begegnung von Menelaos mit Proteus einen Einblick in sein Wesen. Der «alte Mann aus dem Meer» kann Atreus’ Sohn den Heimweg weisen, wenn es dem König von Sparta nur gelingt, den Meeresgott lange genug festzuhalten, während der seine Gestalt von Tier zu Pflanze, Gestein oder Feuer wechselt. Proteus ist elementare Materie, die griechische Physiker als hylē bezeichneten – dasselbe Wort wie für das Schiffsholz, das den Krieg übers Meer in andere Gegenden trug.
Wie Aristoteles in der Rhetorik berichtet, war schon sein älterer Kollege, der Philosoph und Rhetor Alkidamas, davon überzeugt, dass die Odyssee «ein feiner Spiegel des menschlichen Daseins» sei. Doch um in diesem Spiegel zu lesen, bedarf es einer Art Totenbeschwörung, die die Einzelteile zusammenfügt; um eine Antwort aus Proteus herauszubekommen, müssen wir durchhalten, bis er sich selbst zu erkennen gibt. Dann kommen vielleicht auch wir in den Genuss jenes nostos: einer Heimkehr, bei der wir uns selbst begegnen.