The Albanian Files: Freedom and ArchitectureAnneke Abhelakh (Hg.)
Lars Müller PublishersJuni 2026 65 CHF 796 S.

Ein Turm, rot, irden irgendwie. Balustraden, Arkaden, Gänge. Ein Mädchen und der Reifen, den es treibt, oder trieb, irgendwann. Vor dem Einschlag? Ihr Schatten, in den Stein gebrannt. Oder ist es umgekehrt, kommt sie erst gleich um die Ecke?

Etwa in der Mitte des gut 800 Seiten dicken Buches The Albanian Files – Freedom and Architecture wird auf Giorgio de Chiricos Pittura metafisica verwiesen. Bekannt für seine entrückten Tableaus menschenleerer, von Silhouetten, Statuen und Schneiderpuppen bevölkerter Straßen, sind de Chiricos Gemälde Renderings avant la lettre. Was bei ihm Ahnung bleibt, wird hier, in der Visualisierung des Architekturbüros Luca Dini, als bezugsfertiger Skyscraper präsentiert.

Maschinelle Imagination, Menschen ohne Gesichter. Espresso Tonic auf Terrassen, unter feinem Sprühregen. Piazza d’Italia heißen 45 Gemälde von de Chirico und eine öffentliche Plaza in New Orleans, wo der amerikanische Architekt Charles Moore diese Bilder wirklich werden ließ. Brunnen, in denen das Wasser steht. Chinin gegen Malaria. Orte, die schon aufgelassen sind, bevor wir sie wirklich verlassen; Orte, die ausgelassen werden, ganz langsam, bei niedriger Hitze, wie man Schmalz in der Pfanne auslässt. Could you render an image like you render lard?

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Im Jahr 2001 hatte Albanien über drei Millionen Einwohner. 2026 sind es nur noch 2,3 Millionen. Dem Nationalen Statistikinstitut zufolge leben noch einmal so viele im Ausland. Die, die bleiben, konzentrieren sich auf die rasant wachsende Ballungszone Tiranë-Durrës zwischen Hafen und Flughafen. Hier passiert dasselbe wie überall jenseits von China: Um ein von halbleeren, unbezahlbaren Hochhäusern gespicktes Zentrum legen sich immer größere Ringstraßen mit immer weiter entfernten Vorstädten für immer später Zugezogene. Konzentrische Wiederholung in moralisch codierter Landschaft: Inferno. Abseits von Baustellen, privaten Krankenhäusern und dem Tourismus gibt es kaum Arbeit. Trinkgeldlose Tätigkeiten als Küchenhilfe oder Fabrikarbeiter bringen so wenig ein, dass sie von in Mehrbettzimmern hausenden Bangladeschern ausgeführt werden. Sobald die begännen Albanisch zu lernen, empfahl Ministerpräsident Edi Rama einem Fabrikbesitzer schon 2021, solle er sie austauschen, da dann ihre Politisierung drohe.

Meme-Politik

Edi Rama ist ein Prototyp des Politikers als Meme. Bevor er 2013 Ministerpräsident wird, ist er Bürgermeister von Tirana. In der Diktatur als Basketballspieler und Maler tätig, lebt er später einige Jahre in Paris, bis er 1998 spontan zum Kulturminister berufen wird. Sein Leben in der Politik beginnt.

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