Alle reden vom neuen Faschismus, doch niemandem gelingt es so recht, ihn zu definieren. Zwei Bücher von Eva von Redecker und Dagmar Herzog zeigen auf, wie man es machen kann: Indem man sich auf zwei Kernphänomene konzentriert – ein gewalttätiges Eigentumsdenken und Hass auf Menschen mit Behinderung.
Die Hessen-CDU will neben der Verherrlichung des NS-Regimes und Leugnung des Holocaust auch die Ablehnung des «Existenzrechts Israels» unter Strafe stellen. Um dies zu erreichen, will sie ein Sonderrecht ins Strafgesetz einführen – es würde die deutsche Verfassungsidentität fundamental verändern.
A new counter-canon turns away from the fascist monuments that became architectural classics to look at forgotten antifascist projects. From Red Vienna to Gaza, Antifascist Architecture traces buildings shaped by solidarity, resistance, and collective life rather than power and spectacle.
Wer Antifaschist:innen mehr fürchtet als Faschist:innen, der verwechselt Demokratie mit der grenzenlosen Toleranz für ihre Gegner. Solange es kein Verbotsverfahren gegen die AfD gibt, ist ziviler Ungehorsam gegen sie eins der besten Mittel zur Verteidigung der bundesrepublikanischen Verfassung.
Auch Schurkenstaaten sind trendsensibel: Auf der Venedig-Biennale 2026 sehen Pavillons wie der russische der modernekritischen Hauptausstellung verdächtig ähnlich. Der Kritikerkamarilla, die sich jahrelang über zu viel Politik und Theorie in der Kunst beschwert hat, müsste das eigentlich gefallen.
Warum ist es leichter, einen sehnsüchtigen Ausspruch über das Land «vom Fluss zum Meer» zu verbieten als rechte Hasstiraden? Ronen Steinkes Meinungsfreiheit trägt viele Einzelfälle zusammen, hat zu den Gründen und Abgründen der deutschen Probleme mit diesem Grundrecht aber wenig zu sagen.
Europe’s complicity has not only sustained the genocide of Palestinians, but also triggered a crisis of political legitimacy. If any political or moral credibility is to be salvaged, a different movement from below is needed.
Im Spätkapitalismus leben immer mehr Menschen allein – und sterben allein. Max-Planck-Forschende haben untersucht, wie Gesellschaften mit dem einsamen Sterben umgehen. Während Deutschland dabei offenbar nur an Crime und Krimis denken kann, sucht man in Japan wirkliche Antworten auf die Einsamkeit.
«Manichäismus allenthalben – das Ende der Welt, der Demokratie und der Zivilisation, wenn der gute Kampf gegen den bösen Autoritarismus nicht mit allen Mitteln geführt wird – von unserer Jugend, die das Gespenst der deutschen Jugend von vor zwei Generationen bekämpft, die den bösen Kampf führte.»
«Es war immer eine Illusion, dass staatlich geförderte Kultur in Deutschland überhaupt nichts mit Staatskultur zu tun habe» – ein Editorial für eine Welt, in der Kriege im Äußeren die Freiheitsräume im Inneren immer kleiner werden lassen – links und rechts von Wolfram Weimer.
Nach dem Holocaust beruhte die moralische Ordnung der Bundesrepublik auf der Verantwortung gegenüber Juden. Wenn daraus aber ein Verlangen wird, als «jüdisch» vorgestellte Eigenschaften selbst zu besitzen, schlägt die performative Liebe zu Juden in ihr Gegenteil um.
«Ich lächle oft. Ich biete vorsichtiges Englisch an, abgerundet und höflich. Ich sehe, wie Gesichtsausdrücke sich verändern, wenn ich sage, dass ich Palästinenserin bin. Dass ich aus Gaza komme.»
«Einen echten Kontrast bildeten derweil die Wortmeldungen englischsprachiger Linker, denen der deutsche Philosoph eine blasse Erinnerung auf Seminarplänen schien – war Habermas nicht auch in der Hitlerjugend gewesen und lag bei Gaza arg daneben?» – Nachlese zum Tod des großen Denkers der BRD.
Wie klingt die Welt, wenn die Aufnahme versagt? In der Nähe Alexander Kluges wird Erinnerung in Ben Lerners Transkription zur Technik der Montage und die Gegenwart beginnt, von der Spule zu rutschen.
Abdalrahman Alqalaqs Gedichte und Prosa folgen einer Familie durch Jahrzehnte der Vertreibung. Im Burgtheater Hildesheim nimmt Abwesenheit Gewicht an: Kalksteine werden zu Gräbern und Ruinen, eine unruhige Geschichte immer wieder neu arrangiert.
Um 1960 galt Paris vielen Schwarzen Intellektuellen als Zufluchtsort vor Rassismus. In Gesicht aus Stein konfrontiert William Gardner Smith dieses Ideal mit der mörderischen Repression algerischer Einwanderer. Die resultierenden Konflikte, auch zwischen Minderheitengruppen, erinnern an heute.
Die zwölf reichsten Menschen der Erde besitzen mehr als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung – bei lächerlich geringen Steuersätzen auf Vermögen. Wie diese absurde Situation aus einer Nachkriegsanomalie entstand und wie sie sich beheben ließe, erklärt Gabriel Zucmans Reichensteuer. Aber richtig!
Der Essay «Erziehung nach Gaza nach der Erziehung nach Ausschwitz» von A. Dirk Moses, vergangenen September in Berlin Review publiziert, sorgte für regen Widerspruch, darunter eine Replik von Philipp Lenhard auf diesen Seiten. Hier antwortet der Autor auf seine Kritiker und schärft sein Argument.
Mit manipulierten Medieninhalten haben deutsche Regierungen seit der «Emser Depesche» ihre Erfahrungen gemacht. Warum beteiligt sich der deutsche Außenminister, und mit ihm der französische, an der Kampagne gegen die UN-Palästina-Beauftragte Francesca Albanese, die nachweislich auf einem Fake fußt?
A genocide, a right-wing order, an AI-overload of words and images. Ahead of Eiscafé Europa’s English-language release, the author reflects on the political traces and transformations of the seven years since its first publication.
Wenn es um das Erzählen von Krieg, Verlust und Zerstörung geht, hört man oft, die Funktion von Literatur sei, zu erinnern und zu bewahren, was sonst vergessen würde. Viele Texte unserer neuen Printausgabe eint ein anderes Verlangen: der Wunsch nach Rekonstruktion. Editorial zum Reader 5.
«An der BPI sitzen zwei Schülerinnen in Tanktops und zeigen sich etwas auf ihren Handys – dass heute angeblich alle mit ihren Smartphones ähnliche Fotos machen könnten wie Wolfgang Tillmans, ist ein frecher Einwand gegen seinen Stil, eigentlich aber die ultimative Anerkennung seiner Meisterschaft.»
More and more international novels read as if their primary aim were translation into mass-market, globally legible English prose. Is Vincenzo Latronico’s Le perfezioni, written in Italian, one of them—or does it genuinely capture a generational ennui caught between dissent and assimilation?
Mit Adorno gegen Israel denken? Das sei der – laut Philipp Lenhard zum Scheitern verurteilte – Versuch von A. Dirk Moses in seinem Berlin-Review-Essay «Erziehung nach Gaza nach der Erziehung nach Auschwitz». Wir veröffentlichen Lenhards Replik.
In Jonathan Glazers The Zone of Interest dröhnt der Holocaust als Soundscape über die NS-Heimatidylle, in Selma Doboracs De Facto erzählen sich Menschheitsverbrechen in quälenden Monologen selbst. Beide Filme zeigen Täter, ohne Taten zu bebildern. Wie weit reicht ihre Kritik der Gewalt?
Why is Gaza so significant, people keep asking. It is not only the destruction of tens of thousands of innocent lives. It is also the ideological dimension that makes Gaza stand out, much like another local war that divided societies around the globe—and set the stage for World War II.
In der Türkei war Tezer Özlü längst im Kanon. Nun ist sie mit zwei neuen Veröffentlichungen endlich auch in Deutschland zu entdecken. Die Manuskriptsuche liest sich wie das Exposé eines Detektivromans – und verrät viel über einseitig verbaute Chancen einer deutsch-türkischen Literaturgeschichte.
Mit ihrem Begriff des «libertären Autoritarismus» bestimmten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Post-Pandemie-Diskussion über neue und aggressive politische Lagerbildungen. Ihr Buch Zerstörungslust will nun «Elemente des demokratischen Faschismus» erklären, scheitert aber an Grundsätzlichem.
Deutschland, lay down. Frank Trentmann will die Blockierte Republik entkrampfen, Dr. Thomas Bergner den German Burnout behandeln. Der sozialtherapeutische Impetus ihrer Bücher zeigt: Diesem Land fehlt so einiges, besonders aber die Einsicht, dass Individuum und Gesellschaft nicht identisch sind.
Zwei Tote im Urwald, Ängste, eine Schriftstellerin und ein Theatermacher auf der Jagd nach «hypnotischen» Bildern. In ihrem Roman Die Holländerinnen treibt Dorothee Elmiger ein fiebriges Spiel um die Kunst als Passion. Damit entkommt sie einer Erzählkrise – und löst gleich die nächste aus.
“Smoking might be banned at book fairs, while one doesn’t expect books to be banned from book fairs. Even if a character in one of the books exhibited at a fair is smoking, this wouldn’t lead to a ban on characters smoking in books. The simple, obvious reason is: literature does not equal reality.”
Rodrigo Duterte sitzt in Haft in Den Haag, die Folgen seines Krieges «gegen die Drogen» halten an. Als Traumareporterin war Patricia Evangelista aus nächster Nähe dabei. Ihr Buch Some People Need Killing erzählt von Opfern wie Tätern und zeigt: Entmenschlichung hat Methode – und ist menschlich.
Maschinenstürmer, Geschichtsfreak, Mondscheinromantiker, «Radiolurch». Thomas Pynchon hat viele Gesichter, nur das eigene hält er seit 70 Jahren geheim. Schön, dass er jetzt doch noch einen Roman geschrieben hat! Zu früherer Form kann er nicht mehr auflaufen – bleibt das Komplott um den Käse.
«Das ästhetische Versprechen ist klar: Authentizität durch Überwältigung. Erinnerung als Nacherleben. Gewalt wird nicht kontextualisiert, sondern affektiv reproduziert. Wer sich auf diese Inszenierung einlässt, wird selbst Teil der traumatischen Erfahrung – und gewissermaßen selbst Opfer der Hamas.»
«Stimmen hören, und das auch noch in einem deutschen Kostümfilm, der von Gefühlen handelt – da kommt unweigerlich Kitschverdacht auf. Glücklicherweise umschifft Mascha Schilinskis In die Sonne schauen dieses Problem elegant, verkehrt das Klischee ins Gegenteil und macht es zur eigenen Stärke.»
Für linke, kritische Theoretiker:innen war Adornos «Erziehung nach Auschwitz» ein Eckpfeiler der postgenozidalen Re-Education der BRD. Während Gaza brennt, wird Adornos ausdrückliche Warnung vor einer neuen «Staatsräson» in ihr Gegenteil verkehrt – auch und gerade von seinen institutionellen Erben.
In seinem – lt. Klappentext – «Coming-of-Middleage»-Roman Let’s Talk About Feelings brilliert Leif Randt im gleitenden, surface-sensiblen Erzählen. Der Eskapismus ist real und anschmiegsam, für ein Mikromilieu sogar realistisch; doch größere Türen der Gegenwart öffnen sich anderswo.
Autoritär sind immer die anderen: im akademischen Bereich derzeit die Trump-Regierung, die die Freiheit von Forschung und Lehre untergräbt. Doch mit dieser Freiheit ist es auch in Deutschland nicht weit her. Was die viel zitierten Staatsräson-Ausladungen eint, ist eine Struktur autoritärer Affekte.
An der Besetzung der Alice-Salomon-Hochschule im Januar 2025 und ihrer Auflösung lässt sich zeigen, wie die deutsche Antisemitismusbekämpfung ins Autoritäre gekippt ist: Man weiß nicht mehr gut genug, was Antisemitismus eigentlich ist, wie man ihn wirksam bekämpfen könnte, und wer das tun soll.
Wie kann es sein, fragt Holocaust- und Genozidforscher Omer Bartov, dass Israel, Land der Opfer, 80 Jahre nach der Shoah nahezu unbehelligt einen Völkermord an den Palästinensern begeht? Seine Erkundung der moralischen Implosion führt zu apathischen Israelis – und in einen gedankenlosen Westen.
Burhan Qurbanis Kein Tier. So Wild. ist weder typisch deutsch-arabischer Gangster-Movie noch eine erbauliche Geschichte über weibliches Empowerment. Die Gewalt der Hauptfigur Rashida ist unversöhnlich und radikal – und passt gerade deshalb zum Stand der deutschen Einwanderungsgesellschaft 2025.
Um Restauration und Biedermeier zu stürzen, zettelten Brandstifter wie Heine, Stirner und Gutzkow einen Guerrillakrieg der Ideen an. Wie organisierten sie den Gedankenschmuggel? Und was konnten sie ausrichten gegen die preußische Ober-Censur und ihre Rotstift-Armee aus Pfarrern und Gymnasiallehrern?
In Mai Ishizawas The Place of Shells geschieht Paranormales, doch beim Lesen fragt man sich, ob es nicht unser normierter Blick ist, der aus der Zeit gefallen ist. Ein wundersam solitäres Romandebüt der in Deutschland lebenden Japanerin, in dem der sanfte Göttinger Sommer eine Hauptrolle spielt.
Auch die Deutschen seien am 8. Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit worden, behauptete Bundespräsident Weizsäcker vor vierzig Jahren. Die so eingeleitete Erinnerungskultur scheitert heute an der Realität. Eine Widerrede zu Ehren der «Displaced Persons» und aller, die ihrer Befreiung noch harren.
«Menschen, die Grenzen nicht verachteten, hätten keinen Pioniergeist, sagte Elon Musk. Dieser Satz wird mich nicht verlassen, nicht die Sätze werden mich verlassen.» Eine Erzählung über das Leben in Duldung, das Menschen zum Verharren an Orten zwingt, an denen sie nicht bleiben dürfen.
Kaum jemand betreibt anti-antisemitische Cancellings so virtuos wie der DIG-Vorsitzende und Twitter-Addict Volker Beck – zum Leidwesen auch vieler Juden. Becks Entschlossenheit und seine Historie als skandalerprobter Politprofi lassen für die Meinungsfreiheit in Deutschland nichts Gutes vermuten.
Kubitschek, Tellkamp, Buchhaus Loschwitz, rinse & repeat. Dass Dresden die Kapitale des deutschen Rechtsintellektualismus sei, ist ein sich selbst nährender Mythos. Der wichtigste Stichwortgeber dieser Szene war und ist der Ex-SDS-Vorsitzende und provokante Zeitschriftenmacher Frank Böckelmann.
Der Schwerkraft trotzen, alle Lasten abstreifen, floaten über den Trümmern des kaputten Jahrhunderts. Der Wunsch zu schweben rührt ans Existenzielle, im Leben wie im Denken – und auch in den neuen Büchern von Annett Gröschner und Joseph Vogl. Dumm nur, dass Physik und Geschichte anderes vorhaben.
Ihre ersten Berlinaufenthalte führten unserer Autorin typische rassistischen Vorurteile gegen türkischstämmige Menschen vor Augen. Hier erzählt sie, wie sie zu ihrem Buch Stellvertreter der Schuld und zur Außensicht auf deutsche Erinnerungskultur kam, in der Muslimen eine präzise Rolle zukommmt.
Vor 100 Jahren amtierte in Thüringen die erste von völkischen Kräften tolerierte Landesregierung. Sie zwang das Bauhaus zum Umzug von Weimar ins noch SPD-regierte Dessau. Heute sind Kunsthochschulen wieder ein Ziel von Gängelung und Repression – und die gedankenlose politische Mitte macht mit.
Musk und Bannon, FDP und AfD widersprechen sich nur scheinbar – eigentlich brauchen Libertäre und Völkische einander. Die einen haben nur Methoden und keine Inhalte, die anderen nur Idealbilder und keinen Plan: Ihre Koalition ist inkohärent aber schlagkräftig, ihr Ziel Disruption und Gewalt.
Der eine ging von Osten über die Grenze, den anderen zog es noch weiter westwärts: Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann. Ihre wieder oder erstmals herausgegebenen Texte zeugen von Krämpfen und zudringlicher Verletzlichkeit. Und einer Vergangenheit, die zur Abwechslung mal wirklich vergangen ist.
Deutsche Außenpolitik will wertegeleitet sein und internationales Recht verteidigen, Geschäfte mit problematischen Regierungen hat man trotzdem oft und gerne gemacht. Sind die Waffenlieferungen an Israel während der Zerstörung Gazas ein besonders eklatanter Doppelstandard, oder business as usual?
Schon vor 1900 lieferte Mannesmann Pipelines nach Sibirien. Was für die BRD zu lukrativen Energieimporten führte, hat in Russland kolonialistische Auswirkungen bis heute. Matteo Sciannas Sonderzug nach Moskau erzählt die deutsch-russische Energiesymbiose, übersieht aber ihren kolonialen Aspekt.
Krieg, Vertreibung, Zwangsarbeit prägten Horst Bieneks frühen Jahre; später lebte er im Stil eines Kulturattachés im Speckmantel der BRD. 1.700 triefende Tagebuchseiten zeigen den oberschlesischen Autor als einen, der künstlerisch wenig zu geben wusste, aber stets davon ausging, man schulde ihm was.
Wenn Kunst kollektive Schmerzpunkte der Gegenwart berührt, aber keinen Aufschrei provoziert: Eine nüchterne Eloge an Yael Bartanas zeitdiagnostisches Meisterwerk Farewell in Venedig, das nach Aussage der Künstlerin «eine Art Endlösung» zeigt, aber nicht die von den Nazis imaginierte.
«Abschieben Abschieben Abschieben war das brutalste AfD-Plakat im Sommer 2024, Abschiebung schafft Wohnraum das perfideste und Corona Unrecht aufarbeiten dasjenige, das mich am meisten nachdenklich gemacht hat.» Unklar, was in Sachsen zuerst da war: die Unfreundlichkeit oder der Fremdenhass.
Die Erforschung antisemitischer Einstellungen in Deutschland orientiert sich am Begriff des vom Vernichtungswillen angetriebenen «Erlösungsantisemitismus». Mangelhafte Empirie, ein Generalverdacht gegen Muslim:innen und eine Armada orientierungsloser Antisemitismusbeauftragter sind die Folge.
Wenn Polizisten in Kampfmontur Demonstration auflösen, sind sie der schmerzlich-konkrete Inbegriff von «Staatsgewalt». Wie widersetzt man sich solcher Gewalt, ändert vielleicht sogar ihre Prämissen? Nur wer die eigene Verletzlichkeit als Mittel einsetzt, kann der Gewaltlogik des Staates entkommen.
Kunstfilmer oder Autor, Gigworker oder Denker, Idealist oder Stratege – was war Harun Farocki? Seine Schriften in sieben Bänden und Nora Alters Forms of Intelligence zeigen ihn als autodidaktischen Trickster, für den das Spiel mit den Masken des Selbst formale und biografische Notwendigkeit war.
Romantik ist die Sehnsucht, das Unberührte zu berühren. Dissoziation, wenn alle Organe gleichzeitig zur Flucht ansetzen. Lisa Jeschkes Gedichte, Übersetzungen und Editionen treiben Boyhood und nationale Gefühle über die Grenzen, ohne gleich wieder in einem neuen Volkskörper Heimaturlaub zu nehmen.
Links, antinational und pro Israel war die Formel der Antideutschen, die 1989/90 als linksradikale Subkultur entstanden. Manche von ihnen drifteten weit nach rechts, andere machten Karriere in Medien und Politik. Den deutschen Diskurs über Israel, Palästina und Antisemitismus prägen sie bis heute.
Unter Adenauer und Ben-Gurion nahm die deutsch-israelische Versöhnung an Fahrt auf. Gehandelt wurde dabei aus Kalkül, nicht aus Vergebungseifer und Reue. Somit beruht die Entstehungsgeschichte unserer Staatsräson auf einem einfachen Tauschhandel: Absolution für Deutschland, Aufbauhilfe für Israel.
Deutsche Kolonialtruppen begingen im heutigen Namibia den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, doch noch immer fehlt Grundwissen zu diesem Verbrechen, das die Bundesregierung zögerlich anerkennt. Kein Wunder, dass Namibia über die deutsche Haltung zur Genozid-Klage gegen Israel empört ist.
Leiser, als man vermuten konnte, hat Rainald Goetz sich von der Gegenwart entfernt. Die stützenden Männerzirkel, auf denen sein Genietum ruhte und deren Geheimwünsche er erfüllte, es gibt sie nicht mehr. Einige Passagen aus der Textsammlung wrong deuten an, dass darin auch eine Erlösung liegt.
«Der Palast der Republik ist Gegenwart», behauptet eine Ausstellung im Berliner Stadtschloss. Das ist selbstredend Quatsch, denn er wurde vom nationalkonservativen Schlossneubau verdrängt. Das «Forum für Vielstimmigkeit», das das Humboldt-Forum seither sein möchte, ist eines für Geschichtsklitterei.
Die Schuldenbremse lässt Investitionen immerzu gegen laufende Ausgaben antreten. In der Regel verliert dabei die Zukunft, denn sie hat keine organisierte Lobby. Transformationspolitik lässt sich so nicht machen. Was aus der Forschung bekannt ist, perlt am deutschen Haushaltsdogmatismus einfach ab.
Berlin sagt gerne von sich, eine Stadt der Emigranten, Einwanderer und Expats zu sein. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass gewisse Fremdheitserfahrungen nicht wegzuintegrieren sind. Wer im Exil lebt, folgt anderen Raum- und Zeitordnungen als die Alteingesessenen – und das ist auch gut so.
Mit der polizeilichen Auflösung des Berliner Palästina-Kongresses am 14. April 2024 opfert der Staat die Rechtsstaatlichkeit zugunsten der Repression eines vermeintlichen Antisemitismus. Das kann nicht gut gehen.
Eins hat Kafka vielen Klassikern voraus: Er ist ein Meme, oder hat jedenfalls Memes produziert. Die Kafka-Serie von David Schalko und Daniel Kehlmann kann Die Verwandlung entsprechend als Schattenspiel-Gimmick inszenieren. Selbst der gelangweilte Germanist muss anerkennen: Das ist rundum gelungen.
Die Fiktion einer «Stunde Null» ließ viele Deutsche nach 1945 an ihre Besserung glauben. Frank Trentmanns Gewissensgeschichte zeigt jedoch, wie sehr das moralische Empfinden der Nachkriegsdeutschen dem der Nazideutschen entsprach – mitsamt einer Mitleidslosigkeit, die noch heutige Debatten prägt.
Germany takes pride in its memory culture. But its often self-congratulatory remembrance rituals have many blind spots. One of them is the network of international solidarity that the GDR was part of. Echos of the Brother Countries, an exhibition at HKW Berlin, allows for a closer look.
Wer den TikTok-Algorithmus ein paar Stunden lang auf AfD-Content abrichtet, bekommt prompt nach einem Höcke-Interview ein Rommel-Meme zu sehen. Hat die AfD TikTok entdeckt, oder TikTok die AfD?
Die einzige Nachricht, die ich bis an ihr Ende schaffe, stammt von einer israelischen Nachrichtenseite. Sie ist auf den 4. Oktober 2023 datiert und berichtet von einer Schlange, die einen Igel in einem Stück verschlingen wollte. Der Igel spreizt seine Nadeln. Die Schlange stirbt und der Igel stirbt.
Worum geht es? Um literarisches Wissen, Mut zur Genauigkeit, auch Schönheit, Abschweifung und Nerdiness. Texte, die ein Fenster aufmachen und – How German Is It? – mal kräftig durchlüften. Welcome to Berlin Review.
Die liberale Nachkriegsordnung fußte auf einer Vermittlung des Singulären und Universellen. Im «Nie wieder», das Israel und die BRD sich je zu eigen machten, wurde sie kontraktualisiert. Nirgends ist ihr Ende nun prägnanter zu spüren als in Deutschland, das seit dem 7.10. mit seiner Identität ringt.
Die größte palästinensische Diaspora Europas lebt in Deutschland. Im politischen Diskurs kommt sie kaum vor, und das hat nicht nur tagespolitische Gründe. Der ganze Widerwille Westdeutschlands, zum Einwanderungsland zu werden, ließe sich anhand der Geistergeschichte seiner Palästinenser erzählen.