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Die Prophezeiung

Im Jahr 1945 kehrte der ehemalige Gestapo-Offizier Erich Hohn nach Bamberg zurück und gab sich dort als KZ-Überlebender Julius Israel Holm aus. Er trat der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bei und stieg sogar zum Vizepräsidenten eines Ortsverbands auf, bevor er von einem seiner früheren Opfer erkannt und enttarnt wurde. Von diesem Betrugsfall – von denen es in der unmittelbaren Nachkriegszeit offenbar mehrere gab – hätten wir womöglich nie erfahren, hätte Hohn nicht eine derart exponierte Position angestrebt.

Wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt, wurde Hohn 1948 zu drei Jahren Haft verurteilt. Ein Zeitungsbericht über den Fall erregte die Aufmerksamkeit des 1926 geborenen deutsch-jüdischen Autors Edgar Hilsenrath, der den Ausschnitt in seinen Unterlagen aufbewahrte. Dass sich hier ein Täter als Opfer ausgegeben hatte, war für Hilsenrath mehr als eine bloße sensationalistische Anekdote. Für ihn verdichtete sich in dieser grotesken Rollenumkehr ein verstörendes Paradox europäischer Nachkriegsmoral.

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Aus diesem Rollentausch entwickelte Hilsenrath die Prämisse seines heute kanonischen Romans Der Nazi & der Friseur. In den 1960er Jahren verfasst und nach seiner Veröffentlichung in den USA in den 1970ern rasch international erfolgreich, fand das Buch zunächst keinen deutschen Verleger, obwohl Hilsenrath es ursprünglich auf Deutsch geschrieben hatte. Als es 1977 schließlich in einem kleinen Kölner Verlag erschien, erreichte Der Nazi & der Friseur nicht das breite Publikum, das der ausländische Erfolg hätte erwarten lassen. Bei genauerem Hinsehen kann die zögerliche Rezeption kaum überraschen: Hilsenraths Romanplot folgt einem ehemaligen SS-Offizier, der die Identität seines ermordeten jüdischen Jugendfreundes annimmt und sich in einer anderen ethnonationalistischen Bewegung als Militärheld neu erfindet, indem er den Nazi-Fanatismus auf die zionistische Sache überträgt. Einem Land, dessen moralische Rehabilitation auf einer eifrig demonstrierten Liebe zu Juden beruhte, musste eine derart subversive Satire als ein Sakrileg erscheinen.

Hilsenrath, der 1938 aus Deutschland geflohen war, kehrte Jahre später zurück und lebte bis zu seinem Tod in Berlin. Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft kritisierte er scharf für ihren oberflächlichen Philosemitismus, der den alten Hass, den man abzustreifen oder wiedergutzumachen versuchte, seiner Ansicht nach lediglich umkehrte. Mit dieser Diagnose stand Hilsenrath nicht allein. Die deutsch-jüdische Historikerin und Politikwissenschaftlerin Eleonore Sterling veröffentlichte 1965 in der Zeit eine vielbeachtete Abrechnung, die prägend war für eine Tradition von (überwiegend jüdischen) Versuchen, die deutsche Nachkriegs-Scheinheiligkeit zu entlarven.

Sterling, die im Alter von dreizehn Jahren in die USA geschickt worden war und beide Eltern im Holocaust verlor, war als Erwachsene nach Frankfurt zurückgekehrt, um bei Max Horkheimer zu promovieren. In ihrem Artikel beschrieb sie den deutschen Philosemitismus als eine seichte und selbstbezogene Angelegenheit: «Tote Juden» wie Einstein oder Heine würden verehrt, während man lebende jüdische Kritiker routinemäßig als «Deutschenhasser» diffamiere. Durch eine solche moralische Fetischisierung würden jüdische Menschen nicht etwa als Individuen und gleichberechtige Bürger anerkannt, führte Sterling aus, sondern ihr Judentum werde zur bloßen symbolischen Projektion reduziert. Der verdrängte Antagonismus gegen die Juden werde indessen einfach auf neue Zielgruppen – Gastarbeiter, Osteuropäer, linke Intellektuelle – verschoben. «Die philosemitische Methode der Kritikabwehr ist nicht mehr die Vernichtung des Jüdischen als ‹Artfremdes›, sondern die Konservation des Jüdischen durch Versteinerung», schrieb sie. «Den Juden wird ein Denkmal gesetzt, wobei gerade der Götzenkult, den man damit betreibt, das tatsächlich ‹Jüdische› unterschlägt.»

Als sich um die Zeit des Mauerfalls der Philosemitismus zu einem eigenständigen historischen Forschungsgegenstand entwickelte, griffen andere Historiker Sterlings Diagnose auf. Frank Stern zeigte 1991 in seinem Buch Im Anfang war Auschwitz, wie der Philosemitismus dazu eingespannt wurde, nicht aufgearbeitete Schuld psychologisch zu bewältigen, die Auseinandersetzung mit politischen Kontinuitäten zugleich aber abzuwehren. Jüdischkeit wurde kulturell betont und symbolisch überhöht, reales jüdisches Leben blieb aber weiterhin marginalisiert – und nicht selten gefährdet.

Der Nazi & der Friseur ist heute in Deutschland weithin bekannt und anerkannt; 2004 wurde der Roman unter großem Beifall neu aufgelegt. Ein anderes kanonisches Experiment dieses Genres ist aber bis heute nicht auf Deutsch erschienen: der 1979 veröffentlichte Roman The Portage to San Cristobal of A.H. von George Steiner. Das erstaunt insofern, als der in Wien geborene und in Paris aufgewachsene Gelehrte, der von sich sagte, er sei mit «drei Muttersprachen» aufgewachsen, als Schöpfer des Begriffs der «Suhrkamp Kultur» bei seinem Verlag hohes Ansehen genoss.

Mit diesem spezifischen literarischen Experiment zielte Steiner allerdings auf den Kern philosemitischer Selbstgewissheit. Im Roman wird Hitler im südamerikanischen Dschungel aufgespürt und in einem improvisierten Verfahren vor Gericht gestellt. Der dramatische Höhepunkt ist Hitlers Verteidigungsrede, in der er sich als moderner Messias stilisiert:

«Hat Herzl Israel geschaffen oder ich? Prüfen Sie die Frage unvoreingenommen. Wäre Palästina zu Israel geworden … ohne den Holocaust? Der Holocaust war es, der euch den Mut zur Ungerechtigkeit gab, der euch dazu brachte, den Araber aus seinem Haus zu vertreiben … weil er euch im göttlich bestimmten Weg stand … Vielleicht bin ich der Messias, der wahre Messias, der neue Sabbatai, dessen berüchtigte Taten von Gott zugelassen wurden, um sein Volk heimzuführen.»

«Das Reich zeugte Israel», lässt Steiner seine Romanfigur sagen, «das sind meine letzten Worte.» In Sorge um den Ruf seines Verlags – Suhrkamp hatte zahlreiche bedeutende deutsch-jüdische Denker des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts verlegt – konsultierte der Verleger Siegfried Unseld mehrere seiner prominentesten Autoren zu Steiners Manuskript. Max Frisch reagierte entsetzt; einen «Antisemitismus …», zu dem «nur Juden [fähig seien]» soll der Schweizer Autor laut einer späteren Notiz Unselds in dem Buch gesehen haben. Gemeinsam mit Uwe Johnson und Martin Walser sprach Frisch sich gegen die Veröffentlichung aus. Einzig Hans Magnus Enzensberger verteidigte das Projekt und wies die Vorstellung zurück, ein satirisches Werk, das in anderen Ländern erfolgreich publiziert wurde, müsse wegen einer spezifisch deutschen Empfindlichkeit in Deutschland verhindert werden. Unseld hielt seinen Unmut über Steiner in seiner privaten Chronik fest: «[Steiner] ist enttäuscht, dass ich aus diesem Buch keinen Bestseller machen möchte. Sie wollen kein Geld, sagt er. Immer wieder Geld.»

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