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«Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, daß die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt.»

Theodor W. Adorno, «Erziehung nach Auschwitz»

Ende letzten Jahres schrieb ich für diese Zeitschrift einen Artikel über das Erbe der Frankfurter Schule, Auschwitz und Gaza. Darin stellte ich ein Gedankenexperiment an: Wenn der Philosoph Theodor W. Adorno noch leben würde, wie würde er die Zerstörung Gazas durch Israel nach dem 7. Oktober und die Unterstützung der deutschen Regierung dafür beurteilen?

Zu dieser Frage kam ich, als ich Adornos klassischen Aufsatz von 1966 «Erziehung nach Auschwitz» wieder las, nachdem ich die Sommermonate 2025 in Frankfurt verbracht hatte, wo er nach seiner Rückkehr aus dem Exil lebte und lehrte. In diesem Essay kritisierte Adorno das Prinzip der Staatsräson, die bürgerliche Kälte (über die Henrike Kohpeiß geschrieben hat), die martialische Männlichkeit und die Manie für Ordnung, Organisation und Gehorsam – mit anderen Worten: die autoritäre Persönlichkeit – als Elemente der westdeutschen Gesellschaft, die seiner Meinung nach ihre Bürger erneut zum Faschismus neigen lassen würden. Daher meine Frage nach einer «Erziehung nach Gaza».

Der Essay löste Reaktionen der Historiker Philipp Lenhard (ebenfalls in Berlin Review veröffentlicht) und Volker Weiss aus.1 Ihre Repliken auf meine Überlegungen zu Adorno und seinen Argumenten verdeutlichen meiner Meinung nach einen Punkt, den ich vor fast fünf Jahren gemacht habe: dass Mitglieder der deutschen politischen, medialen und akademischen Klasse einen «Katechismus»– eine Staatsideologie – über die Erinnerung an den Holocaust und den «Schutz jüdischen Lebens» in Deutschland und Israel entwickelt haben, den sie einer skeptischen oder gleichgültigen Bevölkerung aufzuzwingen versuchen. Ich antworte ihnen und anderen Verwaltern des Katechismus, wie den Journalist:innen Jürgen Kaube und Katja Iken, im Folgenden.

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Adorno und die historische Katastrophe

Das Problem meiner Frage nach einer «Erziehung nach Gaza» besteht für diese Verwalter darin, dass ich es wage, die Zerstörung des Gazastreifens durch Israel mit Auschwitz in Verbindung zu bringen. Lenhard benennt die Herausforderung: «Wenn Gaza ähnlich wie Auschwitz sein soll, folgt daraus, dass die israelischen Streitkräfte auch Wiedergänger der SS wären.» Zur Debatte steht also, was Adorno meinte, als er seine berühmte Maxime «Nie wieder» schrieb: