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1. Kriege im Allgemeinen

In Kriegen geht es um Töten und Sterben. Das macht sie zu leidenschaftlichen Angelegenheiten, die an das Metaphysische grenzen. Vor Ort auf dem Schlachtfeld gibt es keine technokratischen Kriege, die sauber und kühl mit der Haager Landkriegsordnung in der Hand abgewickelt werden. Wenn Soldaten vor der Wahl stehen, ein Kriegsverbrechen zu begehen oder zu sterben, denken sie nicht lange nach. Sie können auch nicht anders als diejenigen zu hassen, die Befehl haben, sie zu töten, was es einfacher macht, sie vorsichtshalber zuerst zu töten. Die Familien in der Heimat werden es verzeihen; es ist besser, wenn der Feind stirbt als der Sohn, Ehemann oder Vater. Strafverfolgung von Soldaten aufgrund von Kriegsverbrechen durch ihr eigenes Land ist selten; noch seltener kommt es zu einer Verurteilung; im Krieg geht Kampfmoral vor Moral.

Kriege ernähren sich selbst, von sich selbst. Kriege liefern immer neue Gründe für ihre Fortsetzung, darunter die Kriegsverbrechen, die unweigerlich vom Feind begangen oder ihm zugeschrieben werden, und der Hass, den sie hervorrufen. Da der Ausgang eines Krieges ungewiss ist – das Schlachtfeld ist eine stochastische Quelle –, gibt es immer die Hoffnung, dass sich das Glück wendet; so kann das Irrationale die rationale Wahl sein. Fortuna und virtù, siehe Machiavelli, werden ununterscheidbar; Feldmarschälle können wegen mangelnder fortune entlassen werden. Die auf der Verliererstraße haben einen Anreiz, bis zum letzten Mann, bis zur letzten Kugel zu kämpfen; der Feind mag ante portas sein, aber auf unserer Seite des Tores wartet immer eine einsatzbereite Wunderwaffe.

Kriege neigen dazu, länger als erwartet zu dauern. Kriege werden in der Erwartung begonnen, dass die Jungs bis Weihnachten zu Hause sind. Dann dauert es noch ein bisschen, bis zur Frühjahrsoffensive. Und so weiter. Je länger sich ein Krieg hinzieht, desto mehr gerät sein ursprünglicher Zweck in Vergessenheit oder wird angereichert durch eine Fülle zusätzlicher Zwecke, von denen sich einige aus dem Kriegsverlauf selber ergeben – der Wunsch nach Rache, nach Wiederherstellung von «Gerechtigkeit» durch Bestrafung des Feindes für seine Verbrechen – Verwechslung des Schlachtfelds, wo gestorben wird, mit einem Gerichtssaal, wo Urteile gefällt werden. Andere Zwecke finden sich in den berühmten «Mülleimern» (garbage can) des politischen Entscheidungsprozesses: Jetzt, wo wir schon mal dabei sind, können wir nicht zusätzlich zu Y auch noch X tun, zum Beispiel der Sowjetunion zeigen, was eine Atombombe anrichten kann, zusätzlich zum Sieg über Japan, und dass wir davon gleich zwei Modelle haben? Je mehr Ziele man verfolgt, desto länger dauert es, bis genug davon erreicht sind, um das Blutvergießen abzubrechen. Man denke auch an: «Der Krieg ist der Vater aller Dinge», so bekanntlich Heraklit, zu denen auch eine neue Rüstungsindustrie gehören kann, aufgebaut in Rekordzeit von uns oder unserem Feind.

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Kriege werden durch Hass und Angst befeuert. Wenn sie erst einmal begonnen haben und Töten und Sterben in großem Maßstab für den Sieg erforderlich sind, werden Hass und Angst zu unverzichtbaren Zerstörungsmitteln. Sie zu erzeugen und zu kultivieren ist Aufgabe der Propaganda, die für eine erfolgreiche Kriegsführung ebenso wichtig ist wie die Rüstung, weshalb sie ebenso umfangreiche finanzielle und politische Investitionen erfordert. Ihr Hauptwerkzeug ist die Dämonisierung des Feindes, vorzugsweise durch seine Stilisierung zu einem einzigen teuflischen Individuum – dem Kaiser, Stalin, Hitler, Saddam Hussein, Putin – einem Individuum, das sowohl unendlich wahnsinnig als auch unendlich böse ist und deshalb «nur die Sprache der Faust versteht» (so einer meiner Gymnasiallehrer in den 1950er Jahren über «den Russen»). Um einen groß angelegten Krieg von Menschen gegen Menschen zu rechtfertigen, wird das teuflische Individuum zum Stellvertreter für sein Volk oder zumindest für seine Armee stilisiert.

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