In einem seiner zahlreichen Typoskripte notierte Christian Maurel folgenden von seinem Freund, dem Schriftsteller Michel Tournier stammenden Satz: «Ich prophezeie dir einen enormen posthumen literarischen Erfolg. Du wirst der Van Gogh der Literatur sein.»1 Maurel hat auch eine Bemerkung des Verlegers Charles Orengo festgehalten: «Tournier wird weit kommen, aber Sie nicht, zu ehrfurchtslos, oder zu spät.» Vielleicht ist die Zeit dieses Schriftstellers, der über seinen Freundeskreis hinaus kaum Anerkennung fand, nun endlich gekommen. Einer seiner Texte ist der Nachwelt zwar auf Englisch und in mehreren weiteren Sprachen bekannt geworden, aber nur um den Preis einer Enteignung: dieser Text, Für den Arsch (Les culs énergumènes), war einem anderen Autor zugeschrieben worden, nämlich Guy Hocquenghem.
Für den Arsch erscheint im März 1973 anonym in der Zeitschrift Recherches, deren zwölfte Ausgabe den Titel «Trois milliards de pervers» trägt – die damalige Weltbevölkerung umfasst drei Milliarden Menschen. Die von Félix Guattari herausgegebene Zeitschrift Recherches beherbergt für diese Ausgabe eine Gruppe von Aktivist:innen, die aus dem 1971 in Paris gegründeten Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) kommen. Gemeinsam mit Hocquenghem, der die Ausgabe zusammenstellt, sammeln die Aktivist:innen Texte und Gespräche, die die vielfachen Gesichter der «homosexuellen Befreiung» sichtbar machen. Ihre Worte erweisen sich als so skandalös, dass die Ausgabe von der Polizei beschlagnahmt und Guattari zu einer Geldstrafe verurteilt wird.
Wie ich andernorts gezeigt habe, wurde Für den Arsch nicht nur nicht von Hocquenghem verfasst, vielmehr versuchte dieser sogar, die Veröffentlichung des Textes zu verhindern. «Guy wollte diesen Text nicht mit in der Ausgabe haben und er erschien nur aufgrund des Drängens von Gilles Deleuze», erklärt die Soziologin und Urbanistin Anne Querrien, die an der Herstellung der Zeitschrift beteiligt war.1 Die feministische Journalistin Élisabeth Salvaresi, die mit beiden eng vertraut war, präzisiert: «Guy und Christian waren sich nicht einig, was diesen Text betrifft, und dass man ihn heute Guy zuschreibt, ist schon von eigenartiger Ironie.»2
Jenseits der Gewalt, die sowohl Maurel als auch Hocquenghem durch diese falsche Zuschreibung angetan wird, wirft sie auch eine Reihe von Fragen auf hinsichtlich der Entdeckung anonymer Texte, deren Autor:innen bereits verstorben sind, sowie der internationalen Verbreitung von Texten und verlegerischer Strategien. Denn insofern die Tatsache ignoriert wird, dass Für den Arsch nicht nur nicht von Hocquenghem stammt, sondern sich sogar gegen ihn wendet, wird ein ganzer Diskussionsstrang der homosexuellen Befreiung verdrängt; ein Diskussionsstrang, der in vielerlei Hinsicht zahlreiche spätere Debatten über Sexualität, Begehren und Transgression vorwegzunehmen scheint.
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In Deleuzes und Guattaris Tausend Plateaus gibt es einen Verweis auf «ein[en] schöne[n] Text von Christian Maurel» über ein masochistisches Paar; um welchen Text es sich handelt, wird jedoch nicht erwähnt.1 Das ist paradigmatisch für die Sichtbarkeit dieses Schriftstellers: Seine Spuren müssen im Paratext der Geschichte freigelegt werden.