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Eigentlich haben wir Deutschen Erfahrung mit media fakes. Der historisch vielleicht berühmteste, die Emser Depesche vom 13. Juli 1870, setzte schließlich einen Prozess in Gang, der zur Gründung des Deutschen Reiches führte. Bismarck, so die traditionelle Lesart, verkürzte und verschärfte eine Erklärung des preußischen Königs Wilhelm I. über eine Zudringlichkeit des französischen Botschafters derart, dass die Franzosen gar nicht anders konnten, als den Preußen den Krieg zu erklären. The rest, wie man sagt, is history: deutsch-französischer Krieg, Festnahme des französischen Kaisers in Sedan, Proklamation des preußischen Königs zum deutschen Kaiser in Versailles.

Natürlich war es so einfach nicht. Dass Bismarck die Depesche verschärfte, um die Franzosen herauszufordern, ist sicher richtig. Freilich hatten die auch wenig dagegen, herausgefordert zu werden – Napoleon III war, wie Bismarck, bereits gewillt zum Krieg. Sowohl bei den Preußen als auch bei den Franzosen beruhte der Umgang mit dem fake also auch auf einer bewussten Entscheidung: Man war gewillt, den gefaketen Text als wahr heranzuziehen, weil einem das politisch nutzte. Bei Hannah Arendt haben wir gelernt, wie vielfältig die Versuchungen der Macht sind, ihre Politik auf Lügen aufzubauen, weil die Wahrheit sich nicht instrumentalisieren lässt.

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Es ist nützlich, an diesen media fake als Kriegsanlass zu erinnern, wenn man verstehen will, was seit einer guten Woche mit der UN-Sonderbeauftragten für die besetzten Gebiete Palästinas, der italienischen Juristin Francesca Albanese, geschieht. Albanese, die 2022 nach jahrelanger Arbeit als Menschenrechtsexpertin ernannt wurde, übt ihr Amt mit Einsatz und Verve aus. Sie hält nicht zurück mit ihrer Kritik an Israels Behandlung der Palästinenser, zumal nach den durch die Hamas-Angriffe des 7. Oktober 2023 ausgelösten Militäraktionen, vor allem in mit zahlreichen Belegen versehen Berichten. Ein Bericht im April 2024 beschrieb den israelischen Umgang mit den Palästinensern unter dem Titel «anatomy of a genocide» und war damit unter den ersten, die den mittlerweile weit geteilten Genozidvorwurf erhoben. Ein weiterer, vom Oktober 2024, sah diesen angenommenen Genozid als Mittel zum Zweck einer kolonialen Auslöschung («colonial erasure») der Palästinenser als Ziel israelischer Politik. Ein Bericht aus dem Juli 2025 beschäftigt sich mit den Gewinnen, die Unternehmen und Wirtschaft aus der Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser ziehen, und fordert, neben der Politik auch den privaten Sektor zur Rechenschaft zu ziehen. Der bislang jüngste, vom Oktober 2025, bezeichnet den Genozid an den Palästinensern als «collective crime» und erweitert die Anklage auf andere Staaten, ohne deren aktive Unterstützung er nicht möglich wäre. Albanese hat Sanktionen gegen Israel sowie eine Suspendierung seiner Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen gefordert.