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Ich wollte jetzt nichts mehr sagen oder schreiben. Ich dachte, es ist alles gesagt und geschrieben. Es ist geschrien, geblutet, gestoßen, geweint, geschossen, gebrüllt, geschlagen, gebombt, gefoltert, getötet, gestorben, verletzt worden.

Und dann sitze ich in Berlin und lese auf meinem Phone: «If there any way to evacuate me and my family from gaza tell me, any chance can get me a new gate in the life. Best regards from Husam.»

Ich hatte im ArabLit Quarterly einen Text von ihm gelesen. Titel: «Hunger, der die Sprache besiegt». Eine Figur ist über den Text gestellt wie ein Holzschnitt von Käthe Kollwitz.

Als ich Husam Maaroufs Text gelesen hatte, dachte ich: Ich werde alles stehen und liegenlassen und diesen Text in Deutschland veröffentlichen. Es kann sein, dass Leute Wörter wie Genozid und Apartheid, Besetzung, Kolonialismus und Postkolonialismus, Zionismus, Antizionismus, Anti-Israelismus und weitere Wörter nicht aussprechen können oder wollen… das kann alles sein, vor allem Nakba nicht, aber das ist Arabisch, das haben sie jetzt erlebt, das erleben die Leute seit Jahren, seit Jahrzehnten, seit Tagen, und weiter seit Ceasefire, dem offiziellen. Ich wende mich an die, die diese Wörter nicht aussprechen können oder wollen, und an die, die sich kein Urteil erlauben wollen. Über die SED- und DDR-Eliten erlaubte sich doch der ein oder andere ein Urteil – «(…) das rächt sich auch noch – du wirst sehen…» – über die Nazis wollte man nach 1945 auch nicht so recht den Stab brechen, besonders im Westen.

Für die ehemalige DDR dagegen war Antifaschismus Staatsdoktrin. Die Regime-Kritiker:innen wurden in die Position von Revanchist:innen gedrängt, als welche, die als fünfte Kolonne «faschismusaffin» wären. Gegen diese ideologische Umklammerung behaupteten sich die Aktivist:innen der friedlichen Revolution.

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Mit dem Begriff der «Staatsräson» etabliert sich nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 eine ganz andere Doktrin: Treue zu Israel. Kritik an der genozidalen Politik des Staates Israel wird als antisemitisch desavouiert. Das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als Staat wird Voraussetzung der Einbürgerung. Verschiedene Ausdrücke über die israelischen Kriegsverbrechen und die Ursprünge des zionistischen Staates sind nicht nur verpönt, sondern strafbewehrt. Wer die Seite der Palästinenser:innen in den Blick nimmt, gerät unter Verdacht eines verdeckten oder «echten» Antisemitismus. Eine Staatsdoktrin ist implementiert, deren Bezug nicht die Charta der Menschenrechte oder das Grundgesetz ist, sondern ein hochempfindlicher «Anti-Antisemitismus» – interessant, besonders in einem Land, dessen Nazi-Täter:innen überwiegend straflos davonkamen.

Hunger, nicht literarisch

Aus all diesen Gründen komme ich zurück zu diesem Text:

«Ich bin Schriftsteller. / Oder war. / Aber ich kann jetzt nicht mehr schreiben. / Ich hungere. Und Hunger ist mächtiger als Worte. Mächtiger als das Gedächtnis. Mächtiger als Erkenntnis. Mächtiger als mein Bedürfnis zu dokumentieren. / Das hier ist kein Rückzug vom Schreiben. Es ist eine vollständige Lähmung. / Es fehlt mir inzwischen das Werkzeug, um mich auszudrücken./ Ich habe nicht mehr den Körper zum Sitzen. / Ich habe den Verstand nicht mehr, um einen ganzen Satz zu bilden. / … Wird sich jemand dafür interessieren, dass Menschen in irgendeinem Winkel der Welt dermaßen hungern, dass ihre Seelen zum Schweigen gebracht werden. / Vielleicht nicht. / Doch ich habe dies geschrieben – trotz alledem. / Um zu sagen, dass Schreiben möglich ist. / Aber nur wenn der Körper überleben darf.»

Husam Maaroufs Text wurde veröffentlicht. Auf dem medico-blog. Da ist er jetzt. Wir schrieben uns, als wären wir in einer Normalität, über die Freigabe des Textes, die Übersetzung, das Honorar, eine Anfrage der Presse. Ich, die ich esse, schreibe am Laptop, und leite eine Anfrage weiter.

Es gibt Menschen, die trotz des Gaza-Kriegs und der Vernichtungswut der israelischen Armee am Leben bleiben. Das ist nicht dem Persönlichen geschuldet, sondern dem Glück. Dem Glück, wenn sie die strukturell geplante Vernichtung überleben. Wie es auch kein persönliches Missgeschick ist, dass viele Zehntausende nicht überlebt haben.

Ich wünschte, das web wäre nicht nur diese virtuelle Angelegenheit, sondern eine Röhre und ich könnte Husam Maarouf und seiner Familie ein Huhn zusenden oder Mehl. Ein Huhn oder zwei Hühner und Mehl. Ich erinnere mich daran, wie sorgsam meine Mutter die Reste eines Huhns abnagte, stundenlang saß sie noch da, als wir den Tisch längst verlassen hatten. Den Küchentisch mit der weißen, an den Beinen abblätternden Farbe. Sie hatte die Nazis illegal überlebt, ohne Lebensmittelkartenration, später fielen ihr Zähne aus: der Mangel an Vitaminen. Ich fand Briefe einer Freundin meiner Mutter, in denen sie davon spricht, dass sie Lebensmittelmarken für sie und ihre fünfjährige Tochter, meine älteste Schwester, beiseitegelegt hat; andere schreiben, dass sie keine Unterkunft geben können, aber wenigstens ein paar Marken. Die Großeltern, auch sie in der Illegalität, schreiben, wie sie bei der Kirschenernte ausgebeutet werden und dass sie hungern.

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