Wir erleben einen autoritären Herbst. 44 Prozent der Stimmen konnte die AfD in Sachsen-Anhalt auf sich vereinen, 38 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und 20 Prozent in den Außenbezirken von Berlin. Zur rechten Zeit scheint da die für November angekündigte Leipziger Autoritarismusstudie (LAS) zu kommen, die «einen zentralen Referenzpunkt für die offene gesellschaftspolitische Debatte» darstelle, wie die Heinrich-Böll- und die Otto-Brenner-Stiftung, die die Studie kofinanzieren, im Vorwort der Ausgabe von 2024 proklamieren. Dabei haben die Herausgeber zuletzt einen bemerkenswerten Shift hingelegt. Mit «antisemitischem Antizionismus» und «postkolonialem Antisemitismus» etablierten sie zwei neue Themen, die den Fokus verschieben und der Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs den Weg bereiten. Als gesellschaftspolitisches Problem erscheint nun weniger der – auf dem Land überproportional verbreitete – neofaschistische «Drang nach Härte», dafür umso mehr die urbane «Identitätspolitik in der bewegungsförmigen Linken», so die Studienautoren 2024.
Von den Baseballschlägerjahren zur Kritik der Mitte
Die LAS um den Sozialpsychologen Oliver Decker gilt als eine gewichtige Referenz für kritische Wissenschaftler:innen und die Zivilgesellschaft. Ohne Zweifel kann man es als radikal bezeichnen, den Autoritarismus nicht allein bei Randgruppen, sondern in der Mitte der Gesellschaft zu verorten. Zu dieser Einsicht kamen die Forscher bereits im Zuge der sogenannten Baseballschlägerjahre. Als Problem wurden nicht allein die randalierenden Neonazis identifiziert, sondern die Beifall klatschende Menge und der ideologische Bodensatz, auf dem die Gewalt aufsattelte: von Helmut Kohls «geistig-moralischer Wende» 1982/83 bis zur akzeptierenden Jugendarbeit der Bundesjugendministerin Angela Merkel und Schleifung des Rechts auf Asyl unmittelbar nach der sogenannten Wiedervereinigung.
Experten der empirischen Sozialforschung kamen 2001 zusammen, um sich über die Erforschung des Rechtsextremismus auszutauschen. Man einigte sich auf sechs Dimensionen, die dessen Ungleichwertigkeitsvorstellungen kennzeichneten: im Politischen eine Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen sowie einer Verharmlosung beziehungsweise Rechtfertigung des Nationalsozialismus, und im Sozialen antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen. Um die Forschung vergleichbar und für längere Zeitverläufe nutzbar zu machen, wurden die Messungen der Dimensionen harmonisiert und in zwei Studien – eine durchgeführt von Angehörigen der Universität Leipzig, die andere von ihren Kollegen der FU Berlin – getestet. Anhand von Aussagen, sogenannten Items, soll die Zustimmung zu den jeweiligen Konstrukten gemessen werden. Für die Dimension Antisemitismus lautet eine Aussage zum Beispiel: «Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß»; für die Dimension Sozialdarwinismus: «Es gibt wertvolles und unwertes Leben.» Auf einer fünfstufigen Skala können die Befragten den Aussagen vollumfänglich oder überwiegend zustimmen, sie vollumfänglich oder überwiegend ablehnen – oder sich auf eine scheinbar neutrale Mitte («teils, teils») zurückziehen.
Im Rahmen repräsentativer Bevölkerungsumfragen stimmten Anfang der 2000er Jahre rund 5 Prozent aller Befragten sowohl sozialdarwinistischen Aussagen als auch Aussagen, die den Holocaust verharmlosten, zu. Mehr als 7 Prozent affirmierten Aussagen, welche die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur anzeigen sollten, antisemitischen Aussagen stimmten sogar fast 10 Prozent zu. Am weitesten verbreitet waren jedoch die Dimensionen Chauvinismus, mit knapp 19 Prozent manifester Zustimmung, und Ausländerfeindlichkeit mit bis zu 26,5 Prozent. Für die fünf Zustimmungswerte vergaben die Sozialwissenschaftler jeweils Punkte und addierten diese. Anhand eines festgelegten Schwellenwerts attestierten sie knapp 10 Prozent der Befragten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild.
Schnell wurde greifbar, dass die Gewalt der extremen Rechten nicht im luftleeren Raum stattfand. Denn die sechs Dimensionen konnten bis weit in die Mitte der Gesellschaft nachverfolgt werden. Hinweise darauf lieferte insbesondere die teilweise Zustimmung zu den jeweiligen Aussagen. Gegenüber der manifesten ist die sogenannte latente Zustimmung bis zu dreimal höher. So stimmten der Aussage, der Einfluss der Juden sei auch heute noch zu groß, im Jahr 2024 nicht nur 9 Prozent der Befragten vollumfänglich oder überwiegend, sondern weitere 23 Prozent teilweise zu. Die Zustimmungen werden folglich nicht als «extremistische» Einstellungen isoliert, sondern auf einem gesellschaftlichen Kontinuum verortet. Entsprechend firmierten die Studien bis 2016 unter dem Namen «Mitte-Studien». Die Titel lauteten mitunter «Rechtsextremismus der Mitte» (2013) oder «Die enthemmte Mitte» (2016).