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Fürchten, beten, ewig leben heißen die Abschnitte eines Textes in diesem Reader, in dem die Wiener Schriftstellerin Raphaela Edelbauer sich mit dem religiös-pharmakologischen Komplex der Longevity beschäftigt. Mit schweren Investments eugenisch interessierter Tech-Milliardäre im Rücken treibt ein Cluster von Selbstoptimierern, Supplement-Gurus und geläuterten oder konvertierten Christen in den USA eine Lebensform voran, die ebenso neoliberal wie religiös ist: Lebe so diszipliniert, optimiert und furchtsam wie ein Mönch, damit dein Leben ewig sei. Der Tech-Rentier Bryan Johnson, der mit seinen inzwischen 48 Jahren zu einer Art religiösem Führer der Bewegung aufgestiegen ist, rühmt sich, seinen Alterungskoeffizienten auf 0,6 und in Bezug auf gewisse Körperteile sogar auf unter 0 gedrückt zu haben. Er habe den Anus eines 18-Jährigen, heißt es an einer Stelle der Netflix-Dokumentation über Johnson, die von einem Werbefilm kaum zu unterscheiden ist.

Vom alten Kontinent aus gesehen erscheint diese solutionistische Herangehensweise an den zellulären Niedergang – es muss für alles eine technologische Lösung geben – sehr amerikanisch oder genauer: typisch kalifornisch. Sie ist Ausdruck eines extremen Individualismus, Materialismus und Literalismus zugleich: nur wenn der eigene Körper und das eigene Hirn in seiner materiellen Zusammensetzung weiterbestehen, kann man als Mensch buchstäblich zur Ewigkeit aufschließen (der Upload von Hirnstrukturen in eine KI wird als hirn-zentrierte, post-körperliche Variante diskutiert). Dass man auch im Diesseits an die Ewigkeit heranreichen könnte, davon waren Seherinnen und Weise allerdings schon immer überzeugt. Poeten und Eremiten, Homöopathinnen, Hexen und Hebammen, ja ganz schnöde Patriarchen und Stammesvorsteher haben über Jahrhunderte Techniken der Ewigwerdung gelehrt, die ihrem Prinzip nach gerade nicht bei der Konservierung, sondern bei der Vergänglichkeit und Weitergabe von Weisheit, Werk und Leben ansetzen: Schließe einmal an das Weltwissen oder die Weltseele an, koste die Vollkommenheit – und sieh dann zu, dass die, die dir nachkommen, seien es deine geistigen oder leiblichen «Kinder», «Schüler:innen» oder «Jünger», aus deinem Streben und Wirken reicher und klüger werden. Nur so lebt das von dir Erreichte fort.

Auch abgedruckt in Berlin Review Reader 7

Das körperliche Ideal dieser Art von Ewigkeitsproduktion war nie jugendlich, sondern setzte im Gegenteil auf die Weisheit und Entrücktheit des Alters. Erstrebenswert war eine Vergeistigung, der die biologische Jugend gleichgültig geworden ist. Für diese Alterslosigkeit des Geistes gibt es im Deutschen ein leicht melancholisches, meist auf Kinder oder Heranwachsende bezogenes Wort: altklug zu sein bedeutet, dass man dem eigenen (jungen) Körper mental immer schon entwachsen ist; ein altkluges Kind weiß zu viel, um noch wirklich jung zu sein, hat sich die Unbefangenheit der Jugend aber doch bewahrt. Das bedrückende, aber auch interessante Gefühl, nie wirklich jung gewesen zu sein, weil man schon zu viel gesehen und ausgehalten und doch zu wenig erlebt hat – es dürfte eine Art von Longevity sein, die der Lebenswirklichkeit vieler junger Menschen in diesem Jahrhundert schicksalhaft entspricht.

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Détachement und Alterslosigkeit, ein schwer zu entziffernder und vermutlich nicht ganz humorloser Pessimismus, das sind Empfindungen, die Titelseite und Bildstrecken dieses Readers durchwirken. Wie sich Pol Taburet, ein nach allen Maßstäben noch junger Maler aus Paris, in seinem Werk von grellen zu «gedeckten» Tönen vorgearbeitet hat und wie seine Palette an Farben und Formen sich aus afrodiasporischen und karibischen Hintergründen speist, lesen Sie im Text meiner Kollegin Meret Weber auf Seite 73 unseres Readers. Tod und Sterben als Problem – direkt mit Blick auf die grassierende Einsamkeit alter Menschen – behandelt ein Team von Max-Planck-Forschenden in dem Text «Dying Alone» (einen der Autoren, Biao Xiang, hören Sie in einer Juni-Folge unseres Podcasts Airlift). Eric Otieno Sumba zeigt in seiner Besprechung eines Buches von Mahmood Mamdani, was zwei afrikanische Diktatoren voneinander, aber auch von den vielen irreführenden Vergleichsfolien unterscheidet, die westliche Beobachter an sie angelegt haben. Marius Goldhorn wirft für uns ein «I Ging», das heißt, «drei Münzen, sechs Mal», um die Weisheit des Internets in Sachen Chinamaxxing zu evaluieren. Maha El Hissy beschließt in diesem Heft ihren vierteiligen Zyklus über palästinensische Literatur: dass diese in Deutschland besonders unsichtbar ist, hat auch, aber nicht nur, mit der speziellen deutschen Verschlossenheit für alles Palästinensische zu tun.

Sinthujan Varatharajah beschäftigt sich mit einem Gegenkanon antifaschistischer Architektur, die im monumental-bedrohlichen Schatten von Neoklassik und Razionalismo heute mehr denn je an den Rand gedrängt wird. Miriam Stoney fragt, warum rassifizierte Figuren so selten unsympathisch sein dürfen. Claudia Durastanti nimmt Abschied von einer zentralen Figur der jüngeren Klassenliteratur, zu deren Aufstieg sie selbst beigetragen hat. Edna Bonhomme liest Cristina Rivera Garzas Autobiography of Cotton; Enis Maci schaut in das KI-Orakelder Hässlichkeit; Karosh Taha erzählt von Bombenkrieg, Folter und Nachforschung im Irak; und Faith Hillis betrachtet die Tradition und Wiederbelebung jüdischer Radikalität anhand von zwei vielbesprochenen Büchern. Florian Meinel und Philipp Felsch legen die Schwachstellen zweier Monumente der Bundesrepublik offen – das Grundgesetz, Jürgen Habermas –, und Diedrich Diederichsen schließlich hat für uns die «Schurkenstaatenpavillons»der diesjährigen Venedig-Biennale begangen, in denen es, wie er berichtet, verdächtig gut riecht. Wir wünschen eine anregende Sommerlektüre.

Berlin, im Juni 2026

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Tobias Haberkorn ist Herausgeber und Gründungsredakteur der Berlin Review. [Mehr lesen]
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