Von Ivan Krastev stammt die Bemerkung, er lese Habermas wie Thomas Mann – nicht um die Welt, sondern um die Deutschen zu verstehen. Das sehen die Deutschen offenbar ähnlich: Statt seines philosophischen Vermächtnisses war in den Nachrufen der letzten Wochen die Frage nach der Bedeutung von Habermas’ Tod für Deutschland zentral. Umso mehr erstaunt es, dass in dem Reigen ein Thema ausgeklammert blieb, das die Öffentlichkeit hierzulande verlässlich in Atem hält: der Streit um die deutsche Erinnerungskultur, die Habermas in den 1980er Jahren federführend begründete und lange mit seinen Kommentaren begleitet hat. Der Hinweis auf den «ersten» Historikerstreit durfte in keinem Rückblick fehlen, doch während Habermas’ Überlegungen zum digitalen Medienumbruch und seine Stellungnahmen zum Ukraine-Krieg überall gewürdigt wurden, kam die Eskalation der gedächtnispolitischen Debatte vor und nach dem 7. Oktober 2023 praktisch nicht vor. Dabei dürfte gerade die Lage der Erinnerungskultur – das Feld, auf dem Habermas die symbolische Ordnung der Bundesrepublik so nachhaltig wie nirgends sonst geprägt hat – für sein Vermächtnis entscheidend sein.

Natürlich spielt die Scheu, sich auf ein vermintes Diskursgelände zu begeben, in dem jedes ungenaue Wort zur Skandalisierung einlädt, eine Rolle. Aber vielleicht waren es auch Pietätsgefühle, die viele Nachrufer dazu bewogen, das Thema zu umfahren, setzten sie damit im Grunde doch Habermas’ eigenes Schweigen, oder besser: seine Verweigerung, fort. 2008, zwei Jahre, nachdem das Berliner Holocaust-Mahnmal eingeweiht worden war, hatte er nicht ohne Genugtuung erklärt, der Historikerstreit habe «auf dem Feld der memory politics Pflöcke eingeschlagen, an denen die politischen Eliten in Deutschland nicht mehr rütteln» – eine Diagnose, die sich bekanntlich als Fehleinschätzung erweisen sollte. Die deutsche Erinnerungskultur wird einerseits von einer Rechten herausgefordert, die den «Schuldkult» hinter sich lassen möchte, und andererseits von einer Linken, die ihr eine andere historische Schuld, den Kolonialismus, gegenüberstellt. In den neuen Debatten um die Singularität des Holocaust wirkte Habermas zunehmend wie jemand, der nicht am Austausch von Argumenten interessiert war, sondern sicherstellen wollte, dass die Pflöcke der Erinnerungskultur noch an Ort und Stelle standen.

In einem Kommentar zum «zweiten» Historikerstreit räumte er zwar ein, dass «alle historischen Tatsachen mit anderen Tatsachen verglichen werden können», insistierte aber darauf, dass es den Nazis nicht um die Ausbeutung einer kolonial unterworfenen Bevölkerung, sondern um die «ausnahmslose Auslöschung» eines «inneren Feindes» gegangen sei – ein Unterschied, der sich, wie immer man ihn historiografisch gewichten möchte, seinerseits aus dem Vergleich ergibt.

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Noch einsilbiger fiel die gemeinsam mit Kollegen von der Universität Frankfurt verfasste Stellungnahme zum Krieg in Gaza aus. Die Autoren verurteilten den neu entflammten Antisemitismus, verloren über die neu entflammte Islamophobie in Deutschland aber kein Wort. Die Grenze von Habermas’ Universalismus zeichnete sich auch in seiner Reaktion auf die Genozid-Vorwürfe ab: «Bei aller Sorge um das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung verrutschen die Maßstäbe der Beurteilung jedoch vollends, wenn dem israelischen Vorgehen genozidale Absichten zugeschrieben werden.» Spätestens, seitdem der Internationale Gerichtshof wegen Verdachts auf Völkermord ermittelte, stand dieses Vorurteil mit Habermas’ Haltung zum Völkerrecht in Konflikt. Besonders angloamerikanische Linke, die ihm aufgrund seiner marxistischen Vergangenheit die Treue gehalten hatten, wollten seither nichts mehr von ihm wissen.

Wenn man ihn trotzdem nicht als verbohrten Zionisten ad acta legen will, kann die Frage also nicht lauten: Was hätte Habermas gesagt? Sie muss heißen: Was hätte er sagen können? Lässt sich mit Habermas eine Perspektive auf die gedächtnispolitischen Debatten der letzten Jahre gewinnen? Mir scheint in diesem Zusammenhang der seinerzeit nur wenig beachtete Festvortrag, den er im Juni 2019 aus Anlass seines neunzigsten Geburtstags an der Universität Frankfurt hielt, einer erneuten Lektüre Wert. «Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit» lautet der spröde Titel, unter dem er am Ende seiner Karriere auf die drei deutschen Klassiker Kant, Hegel und Marx zurückblickte – und zwar nicht als gelehrte Fingerübung, sondern aus der für seine botanisierende Arbeitsweise so charakteristischen Überzeugung heraus, «dass in diesen historisch überlieferten Argumenten immer noch Antworten auf systematische Fragen zu finden sind».

Obwohl in Habermas’ Vortrag mit keinem Wort von Gedächtnispolitik, vom Holocaust oder gar vom deutschen Verhältnis zu Israel die Rede ist, lässt sich ihm nicht nur eine rückblickende Erläuterung seiner eigenen Position im «ersten» Historikerstreit, sondern auch eine Kritik an der Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur entnehmen.

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