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No Other ChoicePark Chan-wook
139 Min.  5 fev. 2025

Als die Krise ihren Höhepunkt erreicht, beschnüffeln sich die Eheleute. Er ist davon überzeugt, dass sie mit ihrem Chef fremdgegangen ist, und will an ihrem Höschen riechen. Sie hält ihn für betrunken, wittert Verrat, hatte er den Alkohol, der ihn gewalttätig machte, doch zum Wohl der Familie aufgegeben. Das Ehepaar kabbelt auf dem Schlafzimmerboden. Er entwindet ihr das Höschen und inhaliert seinen Duft. Sie nimmt daraufhin sein Gesicht in beide Hände und beschnuppert seinen Atem. Geruch, so lernt man in dieser Szene aus Park Chan-wooks No Other Choice, spielt in Südkoreas Kultur eine besondere Rolle. Denn er ist erbarmungslos. Man kann ihn nicht schönreden und nur schlecht übertünchen. Wie stark er soziale Unterschiede markiert, wird mit Blick auf die Kunst Südkoreas besonders klar.

Olfaktorische Grenzen

Park Chan-wook nutzt die Dimension des Geruchs, um in No Other Choice – einer beim Filmfest in Venedig 2025 uraufgeführten Adaption von Donald E. Westlakes 1997 erschienenem Thriller The Ax, den 2005 schon Costa-Gavras verfilmt hat – die intimen Geheimnisse und Befürchtungen zweier Menschen freizulegen, die sich eigentlich versprochen hatten, einander nichts zu verschweigen. Es bleibt aber nicht bei dieser privaten Ebene: Weitaus weniger offensichtlich in der Bildsprache ausgearbeitet, fungiert Geruch an anderer Stelle als sozialer Marker.

No Other Choice folgt dem zweifachen Familienvater Man-su, der als Manager in einer Papierfabrik arbeitet, bis diese von einem amerikanischen Unternehmen übernommen wird. Die neuen Chefs feuern einen Großteil der Belegschaft, darunter auch Man-su. Seiner Familie verspricht er, innerhalb von drei Monaten eine neue Anstellung in der Papierindustrie zu ergattern. Am Ende dieses selbstgesetzten Zeitfensters hat er aber nur einen Gelegenheitsjob als Packer im Supermarkt – und elende Zahnschmerzen, für deren Behandlung kein Geld vorhanden ist. Seine Frau hat schon die beiden Hunde weggegeben und den Kindern das Netflix-Abo gestrichen. Selbst das Haus will sie nun verkaufen.

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Nachdem die Maklerin mit dem ersten potentiellen Käufer durch die Wohnräume der Familie gestromert ist, fasst Man-su den Plan, den Bewerbungsprozess bei Moon Paper dadurch zu beschleunigen, dass er die drei potenziellen Konkurrenten umbringt. Der Besichtigungstermin überrascht die Familie aber erst einmal. Die Ehefrau versucht im Schlafzimmer noch, die Tagesdecke übers Bett zu ziehen, da lässt sich der Kaufinteressent schon auf das violette Satinlaken sinken und klopft einladend auf die Bettkante. Die Kette um seinen Hals ist ein wenig zu dick, das Hemd einen Knopf zu weit offen und auf seiner Stirn steht ein leichter Schweißfilm. Die Ehefrau kräuselt auf das unausgesprochene Angebot, sich zu ihm aufs Bett zu setzen, nur leicht die Nase – mehr Ablehnung erfährt der Übergriffige nicht.