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Die Videoaufzeichnung einer Rede von George W. Bush bringt uns zurück in die heute fast unvorstellbare Vergangenheit des Jahres 2002. Bush Junior stellt die neue Anti-Drogen-Strategie seiner Regierung vor. Noch als Reaktion auf die Anschläge vom September des Vorjahres äußert der damalige Präsident der Vereinigten Staaten den schlichten Satz: «Der Drogenhandel unterstützt terroristische Netzwerke.»

Zweieinhalb Jahrzehnte später, im Oktober 2025, findet in einem marginalisierten Stadtteil von Rio die tödlichste Polizeioperation der Geschichte Brasiliens statt. Cláudio Castro, Mitglied des bolsonaristischen Partido Liberal und Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, rechtfertigt die «Operation Eindämmung», die zum Tod von 117 Zivilisten und fünf Polizeikräften führt, mit dem Kampf gegen Drogen. Auf X verteidigt er den Vorstoß mit der Aussage, Drogenhandel sei «kein gewöhnliches Verbrechen, sondern Narkoterrorismus».

Obwohl durch Zeit und Raum voneinander getrennt, folgen die Äußerungen von Castro und Bush einer gemeinsamen Strategie. Sie bringen den Drogenhandel mit Terrorismus in Verbindung und vermengen dabei Fragen der öffentlichen Sicherheit mit der Bekämpfung politischer Gewalt. In rechten und rechtsextremen Zirkeln ist der Narkoterrorismus die Obsession der Stunde. Er verbindet scheinbar separat agierende Akteure, die sich ein Interesse teilen: die Unterdrückung von Grundrechten im Namen der Sicherheit.

Dieses rhetorisch-strategische Kontinuum zeigte sich besonders deutlich am 3. Januar dieses Jahres. Als US-Spezialeinheiten auf Anordnung von Donald Trump in Venezuela eindrangen, um Nicolás Maduro festzunehmen, hieß es, Maduro stehe an der Spitze einer verbrecherischen Organisation, des «Cartel de los Soles» – eine angebliche venezolanische Organisation, die von hochrangigen Militärs geführt werde und in den Drogenhandel verwickelt sei. Viele Experten und die International Crisis Group bezweifeln ihre Existenz und vermuten, dass es sich um ein vorgeschobenes Konstrukt handelt, um Vergeltungsmaßnahmen gegen Venezuela zu rechtfertigen. Es war diese Anschuldigung, die zu Beginn der Operation als eindeutiger Rechtfertigungsgrund für das Vorgehen der Amerikaner aufgeführt wurde. Als Maduro kurze Zeit später vor einem Gericht in New York erschien, wurde sie umgehend fallengelassen.

An dem Manöver konnte man sehen, wie sich der «Narkoterrorismus» als austauschbares Rechtsmittel einsetzen lässt: fähig, einen extraterritorialen Militäreinsatz mitsamt Regimesturz zu legitimieren; entbehrlich im Gerichtssaal, wo eine geordnete Beweisführung gefragt ist. Mit der Festnahme Maduros als Druckmittel zur Neuverhandlung der Ölförderung war das geopolitische Ziel erreicht; der Kartellvorwurf konnte fallengelassen werden. Was blieb, war der harte Kern der Operation: das Machtgebaren eines Staates, der sein Recht einem anderen aufzwingt und eine militärische Invasion zur globalen «Polizeiaktion» umdeutet.

Nirgendwo trat der Mechanismus des «Narkoterrorismus» deutlicher zutage als bei Trumps Eingreifen in Venezuela. Das abrupte Zurückziehen der Kartellvorwürfe gegen Maduro offenbarte die durch und durch instrumentelle Logik des Begriffs im Dienst von geopolitischen Zwecken. Seine Kraft liegt in seiner Funktion als zündende Idee: Sie bündelt globale Aufmerksamkeit, lässt drastische Maßnahmen als legitim erscheinen und mobilisiert institutionelle Gewalt unter dem Vorwand existenzieller Bedrohungsszenarien. Die Anschuldigungen können später fallengelassen werden, weil sie von Anfang an als provisorisch gedacht waren: als narratives Konstrukt für das Theater der internationalen Beziehungen, nicht für die beweisrechtliche Strenge eines Gerichtssaals. Als Vorwand und Katalysator zeigt der Begriff des Narkoterrorismus sein wahres Gesicht. Er verwandelt ein angezähltes Regime in ein Monster, das unverzüglich bestraft werden muss, und umschifft so die prozeduralen Hürden politischer Konsensbildung.

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Drogen und politischer Widerstand

Als Begriff wurde «Narkoterrorismus» in den 1980er Jahren geläufig, um eine vermeintliche Fusion von Drogenhandel und bewaffnetem politischem Widerstand zu beschreiben. Er geht von der faktischen Grundlage des Drogenhandels aus – einem kriminellen Geschäft, bei dem es um Profit und Kontrolle geht. Seine Funktion ist politisch: Er verbindet diese kriminelle Aktivität systematisch mit den Zielen und Methoden des politischen Terrors. Diese Einordnung dient einem bestimmten Zweck. Sie stellt ein Problem der Strafverfolgung als Bedrohung der nationalen Sicherheit dar und ermöglicht so eine andere Reaktion. Die Bezeichnung rechtfertigt den Übergang von polizeilichen und gerichtlichen zu militärischen Maßnahmen und von der Bekämpfung lokaler Kriminalität zur Legitimierung internationaler Interventionen. Ihre Macht liegt in dieser konzeptionellen Verschiebung, die die gesamte Bandbreite der Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung auf den Bereich der organisierten Kriminalität anwendet.

In seiner Anwendung auf kriminelle Organisationen wie das bolivianische Kartell Santa Cruz, später ausgeweitet auf ideologisch motivierte Guerrilla-Bewegungen wie die FARC in Kolumbien oder den Sendero Luminoso in Peru, bewährte sich der Begriff als rundum mächtiges Diskursinstrument. Mit seiner Hilfe konnte man massive, weitgehend durch die USA finanzierte militärische Interventionen legitimieren und eine Sicherheitspolitik vorantreiben, die auf Kriegslogik beruht und politische Lösungsansätze verdrängt. Für eine solche Politik war die Region nördlich der Anden das erste Versuchslabor.